Waschsalon

Es kam eine Zeit, da die Umstände mich nötigten, einen Waschsalon aufzusuchen. Auf die Art der Umstände gehe ich nicht näher ein, sie waren eben einfach völlig unglücklich. Ich packte also in eine unförmige Tasche, was ich in die – bislang nur im Vorbeigehen und aus dem Augenwinkel wahrgenommenen – riesigen Maschinen zu stopfen gedachte: Bettwäsche, ein paar Shirts und Hosen und Blusen, Handtücher und natürlich die Spitze. Ausgerüstet mit einem 20 € Schein, einem Buch und einer Flasche Wasser betrat ich den Waschsalon. Aus den Erzählungen und wahrscheinlich auch aus dem Fernsehen erinnerte ich Menschen, die lesend, lernend oder einfach nur so in solch einem Salon saßen und einsam warteten, bis ihre Wäsche fertig war. Zielstrebig ging ich auf die lange Reihe der roten Maschinen zu, warf meine Habe auf die davorstehende Bank, griff meinen 20 € Schein, trat vor den Automaten, steckte den Schein in den vorgesehenen Schlitz, las und las wieder die wenigen Worte und Piktogramme. Ich verstand nichts. Ich drückte Knöpfe, mehrfach. Irgendwann wollte ich mein Geld zurück und fand auch die Rückgabetaste, die mir dann meine 20 € in Münzen und nicht höher als mit einem Wert von 50 Cent zurückgab. „Soll ich Ihnen helfen?“ Eine leise Stimme von um der Ecke erreichte mich. Beate – den Namen verriet sie mir später vorsichtig verschämt – war eine große, tonnenartige, sehr bedächtige Frau mit einem recht einsamen Leben. Sie hatte einen großen Koffer dabei, eine kleine Piccolo und einen aufgeregten Minihund mit einem knallroten Gummiball im Maul. Beate brachte mir sehr gründlich und nach der klassisch bewährten Methode „Erklären. Vormachen. Nachmachen lassen. Allein lassen und beobachten.“ bei, wie ich meine Wäsche richtig einlegte, wusch und trocknete. Meine ersten Schritte gelangen.

Dann betrat eine forsche und beständig telefonierende Studentin den Salon. Wie nebenbei packte sie ihre Klamotten in die Kiste, lümmelte sich auf die Bank vor den Maschinen und berichtete Ihrer Mutter ausführlich von ihrem neuen Liebeskind Beutel, den sie auf der heutigen Fashionshow bekam, zu der sie gehen konnte weil ihre Freundin als Bloggerin verhindert und außerdem noch Stress mit dem Freund und so…. Ich war froh, dass sie so beschäftigt war, denn irgendwie war es mir schon peinlich, dass ich wohl eine Reisegruppe unbeschadet und ohne Verluste durch Kreuzberg leiten konnte, aber nicht die Bedienungsanleitung eines Waschsalon verstand. Und zudem eine Einweisung von der wirklich freundlichen, langmütigen und gründlichen Beate erduldete.

Wir waren schließlich bei der Spitze angekommen und Beate war hier nach dem passenden Wasch- und Trocknerprogramm sichtlich überfordert und wollte das WäscheHinweisSchildchen auf dem Stückchen Stoff befragen. Das hatte ich natürlich bei jedem einzelnen Teil abgeschnitten, weil es immer irgendwo rausguckt. Nach einigem lauten Nachdenken und HinUndHerÜberlegen einigten wir uns darauf, diese Sachen zu behandeln wie ihre Küchengardinen aus künstlicher Spitze und dem Motiv „Holländische Landschaft“.

Aus tiefer Dankbarkeit meiner Lehrerin gegenüber ging ich nicht rauchen, packte auch nicht mein Buch aus, sondern setzte mich neben Beate, die Apfelsaftschorle und den Minihund und übte mich im roten Bällchen werfen und in geduldiger Gesprächsführung. Unterbrochen immer wieder von Mitgehen und MitLernen und NachMachen. Nach fast einer Stunde war Beate mit ihrer Wäsche fertig und hatte sie in ihrem großen Koffer verstaut. In der festen Überzeugung, mir alles Notwendige für das Überleben in diesem Waschsalon mitgegeben zu haben verabschiedete sie sich mit den besten Wünschen für einen schönen Abend und vielleicht bis bald und so.

Die Studentin redete noch immer. Ich packte irgendwann Spitze, Handtücher und Bettwäsche, Hosen, Blusen und Shirts, Buch und Unsummen an Kleingeld in meinen unförmigen Beutel und ging durch die Tür. Aus dem Augenwinkel sah ich noch einen roten Ball unter der Bank liegen. Und ich fragte mich, was für ein rotes Ding wohl der Minihund zwischen seinen Zähnen davon trug, als er aufgeregt hinter seinem Frauchen durch die Tür wedelte?

SB Waschsalon
Kaiserdamm 100
14057 Berlin