Marktplatz der Charaktere

Ich liebe den Trödelmarkt nicht, und doch übt er eine heimliche Faszination aus. Und einen Schrecken zugleich. Man kann in Vergangenheiten stöbern und sich Geschichten zu all den schönen Dingen ausdenken. Man kann sich dieses Gestern in die eigenen Wände holen und den Dingen eine neue Identität geben. Aber es bleibt die gewisse Unruhe, welchen Geist man sich da heraufbeschwört. Hätte man den früheren Besitzer auch eingelassen? Und genau diese Unsicherheit lässt mich oft zögern.

Heute wollte ich mir die Sache einmal von der anderen Seite betrachten und bin mit Gundula auf den Trödelmarkt auf dem 17. Juni gegangen, um schöne Dinge aus ihrem und dem Fundus ihres Mannes verkaufen. Kleine, schöne Broncante, mittelwertige Antiquitäten.

Ansturm im Morgengrauen

Wie ein Schwarm hungriger Dohlen fallen sie über uns herein, kaum haben wir das erste Stück aus den Kisten geholt und auf das weiße Tischtuch gestellt: die Neugierigen, die Jäger auf der Suche nach dem ganz besonderen Fund und die, die einfach immer die ersten sein wollen. Es sind ausnahmslos Männer mittleren Alters, die begehrlich nach den feinen, ausgefallenen Dingen greifen, die Gundula für den Verkauf ausgesucht hat. Unauffällig gekleidet, unscheinbar fast. Sind es Händler, Liebhaber? Sie rufen uns die Fragen nach Preisen und Material und Herkunft zu, während sie die Stücke in Augenschein nehmen. Ein zusammengekniffenes Auge begutachtet den Fang mit der winzigen Lupe, die von irgendwo aus der Hosentasche gezogen wird. Fingernägel kratzen am Lack und vermuten wohl den falschen Schein, das Klopfen verrät das Material, die Mimik fast unbewegt. „Schmuck? Postkarten?“ Ich schaue mit ratlosen, aufgerissenen Augen auf den Rufer und realisiere erst dann die eigentliche Frage. „Hey … lasst uns doch erst mal aufbauen und alles anständig hinstellen und dann könnt ihr wiederkommen. Gesittet!“ So die Sätze in meinem Kopf, die sich da gerade formen. Doch nein, ich sage sie nicht. Denn ich bin das erste Mal hie und habe keine Ahnung, wie die Stricke so gespannt sind. Gundula hat die Menschentraube fest im Griff, sie beantwortet Fragen, verhandelt Preise, die ersten Stücke wechseln zum neuen Besitzer. Da ich nicht einen blassen Schimmer habe, welche Kostbarkeiten hier auf dem Tisch stehen, was sie wert sind und überhaupt mich ein wenig überfallen fühle, hocke mich hinunter zu den Kisten und reiche Schätzchen um Schätzchen nach oben. „Zeig mal das da, das silberne … und das auch noch … was ist das?“ ….

Irgendwann sind sie alle weg, die Teilnehmer dieser morgendlichen Offensive. Doch so mancher wird im Laufe der nächsten Stunden noch einmal vorbeischlendern, der eine oder andere auf ein paar Worte stehen bleiben, erneut verhandeln um die kleinen und großen Besonderheiten. Das ist immer so, tröstet mich Gundula, erst mal gucken und nichts verpassen. Wir gruppieren unsere Waren neu: hier die Tiere und Figurengruppen aus den unterschiedlichen Metallen, da die Flakons und anderen Gegenstände aus sehr altem Glas, an den Nachbarstand gelehnt die wertvollen Dürer-Stiche und das Chippendale-Buch. Für die chinesische Maske gibt es einen knallroten Stoffrausch für darunter, die einzigartig geschnitzten Erbsen und Mais aus Alabaster kommen in die hohe Kristallschale, Pyramiden aus Glas und Stein, Löwen, afrikanischer Haarschmuck aus Metall ….. Ich muss mir jedes dieser kleinen Wunderwerke genau anschauen, zu manchen finde ich sofort eine Beziehung, andere bleiben mir auch nach dem zweiten Blick fremd.

Die Ruhe nach dem Sturm

Unser Stand  in einer der äußeren Reihen des Trödelmarkt ist ansprechend gelegen, unsere Nachbarn – BlinkerBlinkerSchmuck und FahnenAbzeichenKühlschrankmagneten – hatten bei unserer Ankunft bereits die Unmengen ihrer Waren aufgebaut und hockten nun eher stoisch hinter ihren Verkaufsplatten. Der freundliche Marktmitarbeiter hatte uns eine große, praktische Verkaufsplatte eingepasst. Nur wenn wir vor unseren Stand wollen, drängeln wir uns immer hinter dem Stand des FahnenAbzeichenKühlschrankmagneten Nachbarn entlang. Doch ihn stört es nicht und er machte jedes Mal freundlich Platz, er verzieht keine Miene und sagt auch kein Wort. Gundula und ihr Mann Klaus haben einen Schrank in ihrem Atelier ausgeräumt mit Dingen, die eigentlich noch immer begehrenswert sind, aber doch nicht mit anderen Dingen zu einem der aufregenden Objekte von Klaus Dupont zu werden oder einfach nur einen dekorativen Ehrenplatz auf einer  Kommode finden.

Gundula packt zwei zarte, elegant himmelblau scheinende Gläser mit Goldrand aus und füllt einen kühlen Schluck Champagner ein. Na dann, auf erfolgreiche, gemeinsame und herrliche Stunden. Champagner beschwingt und entspannt, die Wirkung ist schnell fühlbar. Auch der Nachbarin vom BlinkerBlinker Stand bietet Sie einen Schluck an, zieht das Angebot jedoch umgehend zurück, als sich ihr eine Kaffeetasse aus Arcoroc im bekannten blassen Blümchendekor entgegenstreckt. Ich muss lachen und weiß einmal wieder mehr, warum ich diese Frau so mag: entweder mit Stil oder gar nicht! Aber basta auch!

Die sonderbaren Charaktere

Schüchtern blicken mich die Augen eines jungen Asiaten an. „May I take a picture?“. In Erinnerung der heftigen verbalen Attacke eines Händlers bei meinem letzten Besuches des Flohmarktes am Porte de Vanves in Paris und meiner gleichlautenden Frage öffne ich schon die Lippen zu einem freundlichen „Nein“, als Gundula ein „Yes, of course …“ herüberruft. Sind also nicht alles so Franzosen … So platzierte er also sein Handy vor einem Glasflakon und erklärte uns, dass seine Freundin solche Dinge sammle und er von ihr wissen will, ob sie es mag. „Junger Mann, da schickt man ihr solch kein Foto, da kauft man es einfach und schenkt es ihr.“ Wie Recht sie hat … aber am Ende ist es nur die Freundin einer Freundin und nein, Sie will den Flakon nicht, dafür die kleine Schnecke, ein wirkliches Unikat aus den 40er/50er Jahren, dass einst einen Tesa Film beherbergte. Ja, der wurde bereits 1936 erfunden … haben wir gleich verkaufsunterstützend gegoogelt.

An uns vorbei tippelt geziert eine mondäne Erscheinung. Wegschauen unmöglich. Das Wipperöckchen schwingt über den dünnen, weißen Beinen, die Handtasche nimmt den Takt auf und die dunklen Augen unter dem glatten blonden Haar schauen aufmerksam und abschätzend auf die Angebote recht und links. An Menschen scheint er nicht interessiert, an Gesprächen erst recht nicht. Auch er eine Gestalt, die seit Jahren zu diesem Markt gehört, erzählt mir Gundula. Immer elegant, immer so verschlossen.

Unser Stand wird etappenweise belagert. Steht einer da, kommen andere hinzu und bald ist es ein kleiner Menschenauflauf. Zum Glück nicht so heftig wie zu Beginn des Tages. Gundula handelt mit einem wohl russischen Interessenten über eine zierlich gearbeitete Tischglocke. Man wird sich nicht einig. Dieter, ein älterer Herr, begutachtet schon seit geraumer Zeit unser Angebot und stet dabei in regem Kontakt mit den Umstehenden. Prompt mischt er sich in diese Verhandlungen. „Nein, das ist nicht 1920, das ist um 1870…“ Ich will später von ihm wissen, ob das Fachwissen ist oder er uns einfach nur helfen wollte bei dem unschlüssigen Interessenten. „Ach, ich habe mir das so angeeignet.“ Er schiebt sich die Schirmmütze über dem schneeweißen Haar nach hinten und holt tief Luft. Ja, es wird eine lange Erzählung und wir erfahren die Lebensgeschichte von Dieter, der auch auf diesem Markt gelegentlich kleine und feine Sachen präsentiert. Es ist eine Geschichte über die DDR, über Unrecht und Verrat, ausgeraubten Westpaketen, Berufsverbot. Nicht bitter, immer mit einem Blitzen in den wachen Augen.

Während Dieter in seinen Erinnerungen schwelgt und er immer wieder eine neue Erinnerung präsentiert, beschaut sich ganz rechts außen am Stand ein unscheinbarer kleiner Mann das verzierte orthodoxe Metallkreuz. Er war schon einmal da, ich erinnere ihn. „Darf ich etwas für Sie tun?“ Gundula geht freundlich auf ihn zu. Seine Reaktion dann unfassbar und noch unbeschreiblicher die sich anschließende Entwicklung. Er fühle sich gestört von solchen Erzählungen und dann noch in dieser Lautstärke. Bald gibt ein böses Wort das andere in einem sehr unschönen Wortgefecht zwischen Dieter und dem Kreuz-Interessenten. „Typisch kleine Männer!“ tönt es vom BlinkerBlinkerStand. „Die haben alle ein Problem.“

Eine wunderschöne asiatische Holzschale wechselt zu einem Herrn, den wir auf den ersten Blick nie als einen Käufer eingeschätzt hätten. Und doch erweist er sich nicht nur als Kenner, er ist ein Liebhaber dieser Kunst und man gibt das schöne Stück nur zu gern in seine Hände. Hier wird es einen guten Platz finden und einen neuen Abschnitt in seinem vielleicht sehr bewegten Leben finden.

Das große Buch mit den Dürerstichen wird von diesem Ort aus eine lange Reise nach Kanada antreten. Die beiden Käufer haben es ausführlich und sehr liebevoll begutachtet und hart gehandelt.

Widersprüche

Der Tag ist ein Wechselspiel zwischen Sonnenstrahlen und Nieselregen. Ich mag mich nicht hinsetzen, auch wenn Gundula no9ch so drängt. Nichts finde ich schlimmer, als über einen Markt zu gehen und die Verkäufer hinter ihren Tischen sitzen sehen. Eingemummelt, rauchend oder das Handy bearbeitend. Ich mag es jedoch auch nicht, wenn man forsch und verkaufswütig auf mich zustürmt. Doch ich mag ein Lachen im Gesicht meines Gegenüber. Eine herzliche Offenheit, die mich als Interessenten nicht bloßstellt oder überfordert.

Ich biete mich an, uns ein fettiges und natürlich höchst ungesundes Mittagsmahl zu besorgen. Pommes mit Majo für sie, Bratwurst mit viel Senf für mich. Angesichts des immer wieder leichten Regens und einer spürbaren ersten Herbstkühle passt das gut. Kaffee gibt es auch noch. Schwarz und schon lang vor sich hin stehend in seinem Thermobehälter

Die Stunden vergehen und mit ihnen scheint das Publikum zu wechseln. Die echten Interessenten wechseln mit einem eher trägen Publikum, das wenig Ahnung zu haben scheint von den Dingen, die es hier sieht. Das einfach etwas kauft, weil es vielleicht gut zum Glasleuchter aus dem Möbelhaus auf die Anrichte passt.

Noch ein letzte anregende Begegnung beobachte ich, zwei ältere Herren in eher nachlässiger Kleidung diskutieren lang und mit ausladenden Bewegungen vor unserem Stand. Der ältere von beiden präsentiert dem anderen sein Erstandenes, einen alten Ölschinken, nicht größer als ein A1 Blatt. Im Goldrahmen gefasst kommt eine dunkle Waldlandschaft zum Vorschein, den erwarteten Hirsch mittig präsent. Er ist so stolz und glücklich darüber, dass er die Verhandlungen mit dem Verkäufer in den kleinsten Details beschreibt. Etwas skurril wirkt diese Szene schon, wie aus einer sehr langen Vergangenheit.

Es ist früher Nachmittag und wir warten auf Klaus, der uns abholen wird. Gundula ist zufrieden mit diesem Tag und ich bin erschöpft von der Wucht der Charaktäre, die mich hier überfiel. Aber wieder einmal mitkommen möchte ich. Einfach nur, um genau diesem Schauspiel der Wesensarten zu verfallen.

Auszug aus der Webung vom Trödelmarkt 17. Juni

„Es erwartet Sie eine interessante Marktatmosphäre, mit vielen Händleroriginalen, mit schönen jungen Menschen, prominenten Persönlichkeiten, reifen Kennern und dem Rest der Bewohner dieser Erde wie Sie und ich.“ So steht es auf der Website geschrieben. Wieder so ein Beispiel für eine zwingende Auseinandersetzung mit unserer Sprache. Suggeriert er doch, dass junge Menschen vorwiegend schön, Kenner eher reif und Prominente besondere Persönlichkeiten sind.

Trödelmarkt 17. Juni, jeden Sonnabend und Sonntag 10 Uhr bis 17 Uhr