Tango Argentino. Endlich wieder tanzen!

Endlich, endlich, endlich … ich gehe wieder tanzen und es ist ein so schönes Ankommen in der Musik, in der Bewegung, ein beruhigender Seelenwirbel, ein Vergessen von Alltag und Herausforderungen. Ich habe nicht mehr geglaubt, ich habe lange gedacht, mittlerweile zu alt dafür zu sein, ich hatte nur einen verschwommenen Traum ohne Kontur und Anreiz.

Im vergangenen Sommer hat sich die Tangomusik im Monbijoupark in meine Ohren, in mein Herz geschlängelt, der Anblick der teilweise in sich versunkenen oder auch bemüht agierenden Hobbytänzer auf dem provisorischen Tanzboden verursachte ein Kribbeln in den Füßen, die Einladung zum Tango Argentino Grundkurs in die Tanzschule „Traumtänzer“ am KuDamm führte zu keinem Hin- und her und Abwägen im Kopf, ich ging einfach mit.

Rückblick: Tanzschule Graf, Dresden 1984

In der damaligen DDR ging man in der 9. Klasse in die Tanzschule und lernte mit Hilfe von Filmen was über Benimm, zum Beispiel, dass man nun beim Essen die Kartoffeln auch wieder schneiden und nicht entgegen der bisherigen Aussage nur mit der Gabel teilen durfte. Dazu gab es Discofox und alle klassischen Tänze, die man in dieser Zeit eh nirgendwo tanzen konnte. Die Dame Graf von der gleichnamigen Tanzschule war uralt, also mindestens über 50, trug ein im Rücken tief ausgeschnittenes Kleid und wenn sie sich zu heftig drehte, dann sah man, dass Sie den ganzen Rücken mit Flüssig Make Up übertüncht hatte. Auf der einen Seite saßen die Jungs und auf der anderen Seite die Mädchen, abwechselnd gab es Damen- und Herrenwahl, ich hatte eher wenig Spaß an den Tanzrunden, blieb oft sitzen und möchte heute nicht mehr darüber nachdenken, ob es an meinen roten Haaren, den Sommersprossen oder den etwas ausufernden Körpermaßen lag.

Zum Abschlussball mussten die Mädchen sich einen Jungen aussuchen und ansprechen, nach den ganzen klassischen, biederen Anstandsthemen im Unterricht ein vollkommen unangebrachter Ausrutscher in die Emanzipationsecke. Ich war mutig und sprach einfach den hübschesten Typen aus der anderen Schule an, der sagte sogar ja und ich war doch etwas verwundert, obwohl ich mir im Vorfeld eher weniger Gedanken machte. Es war trotzdem ein langweiliger Abend, er konnte nicht gut tanzen und zum Reden reichte es auch nicht.

Nach diesem Abschlussball trat aber eben jene Frau Graf an mich heran und fragte mich, ob ich nicht weitertanzen möchte und führte mir als Partner einen Absolventen der Sportschule Nauen vor, ich sagte ja, ich fand es einfach toll, dass Sie mich überhaupt fragte, es kamen von der großen Tanzschulklasse insgesamt nur drei Paare in diese nächste Runde. Wir tanzten ein Jahr gemeinsam einmal wöchentlich zwei Stunden Standardtänze, ich liebte diese Stunden, ich mochte das Verlieren meines Körpers in der Musik, den vorgebenden Takt, ich hatte keine Schwierigkeiten, Schritte zu lernen. An meinen Tanzpartner selbst kann ich mich kaum noch erinnern, aber unser tanz war harmonisch, wir kamen gut voran, wie Frau Graf feststellte, wir tanzten uns bis zum Tanzabzeichen in Gold. Nach einem Jahr wollte Frau Graf, dass wir das ganze professionell angingen, also zweimal zwei Stunden pro Woche plus Vorbereitung auf Turniere und natürlich die Turniere selbst. Ach, ich hätte es zu gern gemacht, doch mein Vater stellte mich vor die Wahl: Singen oder Tanzen. Zu dieser Zeit hatte ich fast neun Jahre Chor und Musikschule hinter mir und so gab es eigentlich nur eine Option. Heute weiß ich, dass es die falsche war.

Discofieber, Hochzeitswalzer, Barmusik und Luftgitarre in der Küche

In den nachfolgenden Jahren änderte sich meine Tanzfläche, ich ging in die Disco und hielt mich immer für die Discoqueen. Ich konnte jeden vom Ende der 80er bis Anfang der 90er gängigen Tanzstil, tanzte lieber allein als mit einem Partner und nutze die Fläche für meine Selbstdarstellung. Meine Klamotten wählte ich von grell bunt bis mädchenhaft verblümt, wenn ich tanzen konnte, dann fühlte ich mich gut.  Irgendwann hatte ich in meinem Auto eine Waffe liegen, die mir ein Freund zugesteckt hatte – ich war etwas zu geschwätzig hinsichtlich meiner Beobachtungen in einem ganz bestimmten Tanzschuppen, das wollte sich der Besitzer nicht so einfach bieten lassen. Die Waffe versenkte ich aus Angst eines Nachts in der Weißeritz, stahl mich aus der Stadt und wurde dann brav, fand meine Rolle als Mutter und Ehefrau.

Ein Intermezzo in dieser Zeit war die Silvesternacht 96/97, die einleitend mit der Frage „Möchten Sie mal an meiner Zigarre ziehen“ zum Lied „We will rock you“ rhythmisch den Boden bearbeitend gegen 7 Uhr von einem kurzen Schlaf unterbrochen wurde. Zur 18 Monate später gefeierten Hochzeit errichteten die Hausmeister des Jagdschloss Hubertusstock einen professionellen Tanzboden mit kleiner Treppe und Geländer auf der Wiese am Werbellinsee, die Gästeschar bestand in der Hauptsache aus dem damals aktuellen Freundeskreis, mein Kleid war kurz und aus Spitze, es war eine rauschhafte, eine wundervolle Feiernacht. Der Hochzeitstanz war eher holprig, die nachfolgenden Tänze hemmungslos und extatisch wie in meiner frühen Jugend. Danach wurde es eher wieder ruhig.

Als ich vor wenigen Jahren Berlin für mich entdeckte, fand ich Musik in Bars und Clubs, wahlweise zum Tanzen oder Zuhören, ich erliege dieser oft schamlos, spätestens nach dem zweiten Glas Sekt bin ich drin, allein oder zu zweit, egal, einfach nur bewegen und fallen lassen. Eine Fortsetzung bekommen diese Nächte oft in meiner Küche, manchmal beginnen sie auch da. Leider sind solche Nächte eher selten … keine Zeit, keine Gelegenheit oder einfach nicht der passende Moment, das macht sie jedoch wertvoll für mich.

Was endlich bleibt ….tanzen

Jeden Sonntag Tango Argentino in der Hobbygruppe der Tanzschule „Traumtänzer“ am KuDamm. Zugegeben, das Ambiente  und das ganze Drumherum erinnert an die späten 90iger, ein wenig puffig, die Farben überholt und das Publikum aus eben dieser Zeit, doch egal und irgendwie doch ganz passend zu mir. Und ich liebe einfach Tango Argentino, der Tanz verlangt Leidenschaft und das Erlernen von Schritten und Figuren, er braucht Disziplin und Aufmerksamkeit, Hingabe und regemäßige Übung. Vor allem aber ist Vertrauen beim Überlassen der Führung an einen anderen Menschen wichtig, gelegentlicher Schmollmund bei einer ungeliebten Drehung eingeschlossen. Das ist für mich ein Lernprozess, das Zulassen all dessen und sich dabei gut fühlen.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal in dieser Regelmäßigkeit tanzen werde, ich bin glücklich darüber und dankbar. Ich dachte, man ist irgendwann zu alt dafür und erlebe, dass es mich docc verjüngt. In einem Übermut habe ich mich zu fünf Stunden „Rock the Billy“ angemeldet, einem ganz jungen Tanzkonzept, dessen Fokus auf den Swingtänzen liegt. Vor der ersten Stunde befiel mich die bekannte Angst, sich zu weit nach vorn gewagt zu haben und im Pulk junger, körperlich fitter Tänzer unterzugehen. Jetzt liegen drei Stunden hinter und zwei Stunden vor mir … ich hätte gern eine Fortsetzung.

#Traumtänzer, #Tanzen, #BerlinTanzt