„Sommer auf dem Dach“. radioeins

Wir sind auf der Dachterrasse des Stilwerk Berlin, die man sonst doch nur für Veranstaltungen mieten kann. Überall auf dem warmen Teakholz liegen und stehen die bekannten Kissen, Stühle und Decken des Sponsors FATBOY, dazu ein paar Europaletten, Grün und Sonnenschirme, erste Menschen mit einem Tannenzäpfle-Bier, Aperol Sprizz oder einem Weißwein in der Hand. Bratwurst gibt es auch. Der Blick über die City West ist wie immer sehr erdend, positiv gesehen. In jedem Fall ist frühes Erscheinen angesagt, um noch einen der Plätze in den chilligen Kissen abzubekommen. Ich war dann etwas zu spät und konnte nur noch einen Platz auf einer Europalette ergattern. Um es vorweg zu sagen: der Service war leicht überfordert, an der Getränkebar war es entweder zu voll, die Getränke der kleinen Auswahl warm (aber Eis war ja da) oder die Gläser aus. Bei einem solchen Thema hätte ich persönlich schon mal etwas mehr erwartet, aber es tut dem Ganzen am Ende keinen Abbruch. Musik gibt es natürlich auch, die ungewöhnliche Mischung aus den radioeins Lautsprechern. Schade, dass es keine Livemusik ist, das hätte perfekt gepasst.

Die Gästeliste von Sven Oswald (Steffen Finger ist im Urlaub) ist im Großen und Ganzen unaufgeregt:

Clemens Füsers, Autor von „Berliner Jahrhundertkneipen“
Mike Meinke, Barberater und Ausbilder für Bartender
Dominik Galander, Barbetreiber
Susanne Baró-Fernández, Barchefin „Brügge Bar“
Lucia Schürmann, hat den 3. Platz der World Class Competition belegt
Peter Eichhorn, Bierexperte und Stadtführer, Autor vom Bierhandbuch

Ich höre und genieße mich also durch eine seichte Plauderei über Frauen hinter der Bar, Tricks zum freundlichen Rausschmiss unangenehmer Gäste, Spekulationen zum Bestehen des Rauchverbotes und über die Lieblingsmusik des Bartenders. Der Gin Tonic war auch nie weg, das finde ich dann mal sehr beruhigend, wusste ich jedoch irgendwie schon. Aber es gibt auch so bezeichnende Antworten auf die Frage „Muss ein Bartender in Berlin englisch sprechen?“ „Ich bin schon froh, wenn ich einen Bartender finde, der deutsch spricht“. Interessantes gibt es über die Entwicklung des Biergenusses und ich nehme mir vor, eines der neuen Aromabiere in einem dafür speziell hergestellten Glas einmal als Weinbegleitung zu trinken. Und dass das Etablissement „Zur letzten Instanz“ in Mitte die älteste Kneipe Berlins sein soll verwundert mich, für mich sieht es beim Vorbeifahren mit der S-Bahn immer aus wie ein riesiger Touristen-Nepp. Da geh ich doch lieber mal hier um die Ecke in den „Tattersaal“, die Lieblingskneipe von Clemens Füser und schau, ob ich noch etwas von der Boxerstimmung abbekomme.

Spannender als die laut verkündeten Themen finde ich jedoch die Empfehlung meines Begleiters, der mir von einer Bar in Hamburg erzählt: Da gibt es in der Damentoilette noch eine Tür, die zu einer weiteren Bar führt. Ganz speziell für Damen und für die Gespräche, die sie in der vorderen Bar nicht führen wollen oder können. Da hätte ich wohl auch das eine oder andere zu erzählen, oder zu belauschen. Ob er mit mir dahingehen möchte, frage ich. Will er nicht. Warum wohl?

Gegen halb zehn leert sich die Terrasse, die letzten Genießer werden mehr oder weniger freundlich gebeten. Ich leere den letzten Tropfen Weißwein, schließe die Augen und träume mich noch ein wenig durch die Strahlen der Abendsonne.

Und für alle, die es auch mal erleben wollen: den Sommer auf dem Dach gibt es immer Montags bis Freitags von 19 – 21 Uhr, Einlass und Getränke ab 18 Uhr.