„Sex Sells … oops … Art Sells“ Eine Ausstellung.

Raumhoch dominiert eine Rastergrafik in dem aussagekräftigen Spektrum von Weiß nach Schwarz die kleine Galerie. Angedeutet nur kann man in den Bildpunkten die Konturen eines menschlichen Körpers erkennen. „Schauen Sie mal durch Ihre Handykamera!“ lese ich auf dem kleinen Zettel unter der Arbeit. Gut, denke ich noch, Kunst mit Interaktion.

Der Blick durch die Kamera lässt mich die Augenbrauen hochziehen, einen erschrockenen Schritt zurückstolpern und ein unsicheres „Ohhh…“ presst sich hervor. Ich schaue direkt auf die lustvolle Mitte einer Frau. Keiner attraktiven Frau. Sie sitzt, spreizt mit den auf die Knie aufgestützten Armen herausfordernd ihre Beine und präsentiert diese Mitte als wolle sie sagen „Da bin ich, da ist sie … und nun Du!“ Lustvoll ist es in keinem Fall, auch der etwas faltige Bauch und die ungleich geformten Brüste sind es nicht. Bin ich schockiert ob dieser Obszönität oder bin ich fasziniert von dem Mut, ein solches Bild zu zeigen oder bin ich gar empört, weil sich so etwas doch eigentlich nicht gehört? Ich weiß es nicht und bin vermutlich ein bisschen von allem.

Warum ich den Künstler eigentlich mag

Den Künstler des mich so irritierenden Werkes kenne ich persönlich. Ralf Menzel, Künstlername FLY. Ich mag seine Arbeiten, sie erzeugen in mir vom ersten Moment des Sehens an die Stimmung, die sie ausdrücken wollen. Sie öffnen mir die Tür zum dem Ort, den Menschen und dem Geschehen. Ich kann einfach eintreten, mich umsehen, zuhören, erfahre die verborgenen Botschaften. Das Bild, das sich da gerade auf dem Display offenbart, hat eine ganz andere Dimension. Ich stecke das Handy in die Tasche, habe das Bild im Kopf und die Rastergrafik vor mir an der Wand. Das wird etwas dauern, das weiß ich.

Wie ich mich mit Unbekannten in ein Gespräch komme

Es ist eine zählbare Runde, die sich an diesem Abend zur Eröffnung des Projektraumes in der Galerie Part Time Punks Kunst in Neukölln einfindet. Künstler, Freunde, Neugierige. Gezeigt werden unterschiedliche Interpretationen zum Thema „Sex Sells …oops … Art Sells“. Malereien, Fotos, Collagen, Installationen, Skulpturen. Weitere Werke zum Thema sollen folgen, sie sind noch auf der Reise oder haben noch nicht die richtige Fläche oder wollen noch entdeckt werden.

Ralf ist bei meiner Ankunft tief in eine seiner sehr gesten-, wort- und inhaltsreichen Unterhaltungen versunken. Unterbrechen würde ich dies nie. Also versuche ich meinen bislang erfolgreichen kleinen Trick, um mit den anderen in einen ersten Kontakt zu kommen und frage eine nach Ortskenntnissen aussehende Person nach der Toilette. Dann kann ich mich beim Wiederkommen noch mal bedanken und habe auf dem Weg mindestens eine Sache gefunden, über die sich ein Gespräch beginnen lässt. Heute frage ich Yoko, die die Idee zu dieser Ausstellung hatte. Doch beim Zurückkommen muss ich mich entschuldigen: die Tür lässt sich einfach nicht mehr von innen öffnen und so hab ich sie ein bisschen mit der Hüfte geschubst. Da fiel sie einfach um, die Tür, und lies sich auch nicht wieder einhängen. So hatten wir nun einen offenen Raum und ich einen Anfang.

Ich lerne Julia kennen, Julia mit den wunderschönen großen Augen und ihrer Panik, mit den Öffentlichen fahren zu müssen, vor allem mit der U-Bahn. Erst kürzlich hat sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Künstler Resa Mashoodi, die Galerie Lottum im übersättigt und müde gewordenen Prenzlauer Berg eröffnet. Ich bewundere so viel Mut. Ich mag es, ihr zuzuhören, die Anspannung der vergangenen und die Aufregung vor den kommenden Tagen zeichnen sich deutlich ab. Die vielen Gedanken, Pläne und Details in ihrem Kopf haben durchaus Potential und ich wünsche den beiden, dass es gelingt. Darauf einen Rotwein aus den bunten Plastikbechern.

Wie ich mir gesellschaftliche Entrüstung vorstelle

Julia verschwindet kurz vor die Tür und ich finde die Zeit, mich genauer umzusehen. Die Frauen und ihre unvollkommenen Körper zu betrachten. Oder die Körper, die durch Bemalungen oder Ergänzungen offensichtlich unmöglicher Accessoires sehr unschön verfremdet sind. Keine von ihnen entspricht den propagierten Maßen, Formen, Verhaltensweisen unserer Gesellschaft. Und doch wird jede dieser Frauenkörper von einem anderen Menschen geliebt, begehrt, verehrt. Wenn diese Frau mit den gespreizten Beinen gekleidet wäre in die Spitzendessous eines hochdekorierten Modelabels…. in edlem Schwarz vielleicht. Und dann würde man dieses Bild prominent auf der Vorderfront des KaDeWe präsentieren. Wie groß wäre der gesellschaftliche Aufschrei?

Sex Sells? Ich muss hier mal eine Frage stellen

Neben dem Kunstwerk hängt die Rezension zum Bild, verfasst von Prof. Ralf Vollbrecht „…die banalsten Dinge werden mit sexualisierten Darstellungen (vermeintlich) aufgewertet. Der Nimbus des sexuellen Begehrens soll sich mit der Ware verbinden und Kauf-Begehrlichkeiten wecken: Sex sells …Was wir zu sehen bekommen, sind zumeist hochgradig stilisierte und perfektionierte Körperbilder einer Warenästhetik, sie sich weniger an der Realität orientiert als am schönen Schein. Die Fotos von Fly brechen mit dieser Warenästhetik….“ Der Universitätsprofessor der TU Dresden sollte es wissen, immerhin gehört Sozialisationsforschung zu seinem Themengebiet. Teil davon ist wiederum die Entwicklung unserer Persönlichkeit in der Interaktion mit unserer Umwelt. Unser beständiges Streben nach dem Erreichen des von der Gesellschaft vorgegebenen idealen Körpers gibt ihm Recht.

„… Was aber will uns der Künstler damit sagen, wenn er dieses öffentliche Bild nun extrem verkleinert und als Massenware vervielfältigt zum privaten Konsum in den Verkauf bringt?“  fragt der Professor dann noch. Ja, die Frage stelle ich mir auch, als ich die kleinen und kaufbaren Fotos der Frau mit den gespreizten Beinen auf dem Regal an der Wand liegen sehe.

Berlin ist hässlich! … ??

Ich gehe zu Yoko hinüber, sie steht neben dem unordentlich eingeräumten Regal und trinkt Prosecco aus dem Plastikbecher. Eine zierliche, kraftvolle Frau, deren Ausdrucksstärke einen ganzen Kosmos ohne Worte beschreiben kann. Es ist wieder einmal erstaunlich, wie man mit einem völlig unbekannten Menschen in so kurzer Zeit ein so vertrautes Gespräch führen kann. Um ihre Beine wuselt beständig der Hund, der jeden böse verbellt, der sich ihr auch nur nähert. Wovor muss er sie beschützen?

Auf dem Tisch zwischen uns liegen durcheinandergemischt die Arbeiten Ihres Mannes, des Niederländers Tim Roeloffs. Ich greife mir immer wieder eine der kunterbunten Fotomontagen in langer Postkartengröße heraus und betrachte eine der vielen kleinen Berlingeschichten. Sein Berlingefühl, ausgeschnittene Motive aus Magazinen, mit Klebstoff und Cutter zusammengesetzt, zusammengefunden aus dem, was er so erspäht beim Radeln zwischen Prenzlauer Berg und Neukölln, aus den kleinen Dingen, wie dem Bier beim Späti um die Ecke. Tim ist nicht da uns so frage ich Yoko auch nach dem Kirschblütenbild neben mir an der Wand, es scheint mir nicht so zum Thema zu passen. „Tim wollte eine Serie über Mut machen, den Mut, inmitten der Hässlichkeit von Berlin etwas Schönes zu zeigen. Und wenn es nur für eine kurze Woche ist wie im Falle der Blüte dieser Bäume in der Sonnenburger Straße.“

Wie ich in mir ruhe, Menschen Abseits des Mainstream

Die Zeit in der unvollendeten Galerie vergeht wie ein buntes Daumenkino … dieses kleine schöne Ding, das in jedem einzelnen Bild eine Aussage hat und trotzdem nur im Ganzen erfassbar ist. Um mich herum die unvollkommenen Frauen, unkorrekt gestapelten Kisten mit den verkaufsfertigen Arbeiten von Tim, eine Installationskunst am Boden, die ich nicht interpretieren kann. An der Wand lehnt die Toilettentür, die geleerten Flaschen Rotwein stehen dicht gedrängt am Boden, dazwischen eine kalt gewordene Kaffeetasse. Mein ruheloser Kopf schaltet um auf Wohlfühlen, die Irritationen verschwinden, mit ihnen meine Unsicherheit. Nein, es liegt nicht am Rotwein. Es liegt an den Menschen um mich herum, die ganz offensichtlich einen weitgehend realen Blick auf das Leben haben und seltener als ich auf die Lügen hereinfallen, die uns tägliche ein neues Ideal verkaufen möchten. In jedem Fall sind sie das komplette Gegenteil der Schickeria, die ich so oft treffe und beobachte auf meinen Streifzügen durch das Berliner Gesellschaftsdrama.

Die meisten hier kennen sich aus der Arbeit im Tacheles, jenem legendären Kunstzentrum der 90er Jahre in Berlin Mitte. Einer Zeit, in der ich fast ausschließlich gefangen war in meiner Arbeit in den Luxushotels, darin aufging und dafür lebte, meinem Kosmos. „Tacheles reden …“ –  ganz offen und freimütig seine Meinung äußern.  KLARTEXT also. Ist das auch heute Abend die Aussage? Etwas ungeschminkt sagen, was uns sowieso jeden Tag in der Realität begegnet?

Der Fotograf Stefan Schilling hat ein Buch zum Tacheles gemacht, mit vielen Bildern und der Geschichte zu dem einzigartigen Projekt. Das Buch ist auch da und der Künstler zum Anfassen nah. Und wieder die so schöne Überraschung Mensch: Still, kraftvoll und unprätentiös. Die Augen verraten den Geist und die beherrschte Gestik das innere Feuer.

Es ist kurz vor Mitternacht und Yoko teilt den letzten Schluck ihres Prosecco mit mir und wir lassen uns von Ralf zu ein paar Fotos vor seinem Bild überreden. Wir albern rum, müssen lachen und irgendwie schleicht sich so ein kleines erotisches Funkeln in unser Tun. Auch schön, denke ich und lasse mich darauf ein.

Die kleine Galerie leert sich und ich mache mich auf den Weg in eine noch lange Nacht. Eines dieser kaufbaren Fotos von der unverfälschten Realität steht seitdem prominent in meiner Küche.

Meine Antwort

Ich habe auch für mich eine Antwort gefunden auf die Frage des Professors, was uns der Künstler Ralf Menzel denn sagen will mit seinem Werk: Wenn wir unser Leben und die Menschen um uns so sehen und annehmen wie sie sind, dann sparen wir uns die ganze Kraft und Mühe, Menschen und Leben an ein vorgespieltes Idealbild anpassen zu müssen.

Nichts ist vollkommen. Du nicht. Ich nicht. Keine zwischenmenschliche Beziehung. Und das Leben hat sowieso seinen eigenen Rhythmus. Setzen wir uns also lieber auseinander mit Ecken und Brüchen, mit Löchern und Kanten. Finden wir die versteckten Geheimnisse, für die es an einem perfekten Körper keinen Platz hat.

Noch ein Nachtrag

Was dieses Kunstwerk noch so besonders macht: Es existiert nur an diesem Ort. Man kann diese Rastergrafik nicht fotografieren und verbreiten, denn genau dann löst sie sich auf in die versteckte Aussage. 

Part Time Punks Kunst, Jonasstraße 27, 12053 Berlin