Schaufenster. Ein Bummel durch das weihnachtliche Berlin

WP_20151209_18_05_54_Pro
Schaufenster bei Käthe Wohlfahrt

Auf der Suche nach den mich täglich begleitenden und umhüllenden Dingen ist ein sofortiges, unsichtbares Band zwischen mir und dem angebotenen Objekt unabdingbar. Liebe auf den zweiten Blick? Nahezu ausgeschlossen. Folglich betrete ich ein Ladengeschäft nur dann, wenn die im Schaufenster dargestellte Szenerie mir einen solchen Liebesrausch auch verspricht. Doch die Fantasie der Ladeninhaber oder der von ihnen ausgewählten Werbegestalter  ist zu oft oberflächlich, die Anzahl der von mir präferierten Geschäfte somit nicht eben lang. Jetzt, zur Weihnachtszeit, neigen wir alle etwas zu überbordenden Darstellungen, zu Wärme und Liebe und Üppigkeit. Vielleicht auch die Gestalter der Schaufenster. Dachte ich. Und machte mich auf Schaufenster-Suche durch die oft gepriesene Shoppingstadt Berlin.

Vorab las ich mir im ererbten Brockhaus meiner Oma und natürlich beim zu oft gebrauchten Wikipedia ein wenig Fachwissen an: Im Brockhaus von 1942 wird neben der Funktion – das Auslegen von Waren – auch noch ein praktischer Tipp gegeben: „Für die Werbewirkung wichtig ist eine gute Beleuchtung.“ Ja, stimmt. Wikipedia spricht vom sogenannten Windows Shopping und stellt damit klar, dass ein Schaufenster das wichtigste Werbemittel eines Ladengeschäftes ist. Soweit die Theorie. Die Praxis war ernüchternd.

 

WP_20151129_14_56_52_Pro
Modegeschäft in der Suarezstraße

Um es vorwegzunehmen. Die meisten Auslagen erweiterten sich lediglich um ein paar Tannenzweige mit bunten Kugeln und den unvermeidlichen Lichterketten in  weihnachtlichen Kontrafarben, mutigere Dekorateure gestalteten gar einen ganzen Weihnachtsbaum, umgeben von Weihnachtsgestalten und Kunstschneegestöber. Die leblosen und herzlosen  Puppen in oft unappetitlichen  Haltungen bekamen ein bissel Goldstaub und Glitzer auf den Körper, Schriftzüge auf den Fenstern versprachen „Merry Christmas“ und besonders Kreative versuchten sich an futuristischen Gegenständen in Rot, Gold oder Silber. Wenn dann gelegentlich Kugeln in knallig obszönen Farben aufeinanderhingen, wurde es wenigstens bunt.

KaDeWe
Schaufenster des KaDeWe Berlin

Meinen ersten Weg ging ich entlang und seitlich des KuDamm, der im offiziellen Berlinportal als die wichtigste Einkaufsstraße der Hauptstadt bezeichnet wird. Aus der Erfahrung weiß ich, dass im KaDeWe jährlich ein neues Weihnachtsthema zelebriert wird und nach vergangenen Höhen und Tiefen gab ich ihm in diesem Jahr eine mittelprächtige Note. „Geht so „. Zum Motto „A Christmas Journey“ sind die Schaufenster mit den Silhouetten verschiedener Metropolen in grellen Farben ausgestaltet, dazu erschreckte mich aus den Lautsprechern über den Fenstern eine extrem überspitzt klingende Version von „Babooshka“, die ich eigentlich nur im Original von Kate Bush akzeptieren möchte.

FloraleWelten
Schaufenster von Florale Welten

Gleich um die Ecke in der Nürnberger Straße wusste ich das Team von Florale Welten und war mir sicher, die Dekadenz zu finden, die ich erwartete. Ohne Worte, dafür die Höchstnote! Sinnlich, weihnachtlich weiß, üppig, verspielt und auch klar, und handwerklich perfekt. Ich musste einfach kaufen und so begleitete mich ein winterheller Blumenstrauß den KuDamm hinauf.

WP_20151128_16_14_00_Pro
Schaufenster von Hering Berlin

Einen kleinen Abstecher gab es noch ins Bikini Berlin, doch zwischen den PopUp Stores in ihren durchsichtigen Boxen erkannte ich leider die Dekoration aus dem verschlissenen  Jahr: weiße Glitzerhirsche mit ebenso weißen Kugeln um den Hals in einer kleinen Szenerie drapiert. Nun ja. Auf dem kleinen Schlenker zurück zum KuDamm luchste ich noch in das Schaufenster des Flagshipstores von Hering Berlin und freute mich an einer schönen Verschmelzung von Kunst und Handwerk, von Gebrauchswaren und Dekorativem, wobei das Eine das Andere nie ausschließen sollte. Stefanie Hering mit ihrem sehr eleganten, reduzierten Porzellan und zwei der eher exzentrischen Papierarbeiten von Arndt von Diepenbroick.

Weiter schlenderte ich, mehr desillusioniert denn beglückt, aggressiv fast, bis hoch zu den edlen Boutiquen hinter der Kneesebeckstraße. Vorbei an Menschenmassen, die sich an mir nicht erklärlichen Dingen berauschten.  Unspektakulär. Nur in wenigen Fenstern konnte ich die Weihnachtsstimmung richtig spüren und lediglich bei Käthe Wohlfahrt und Zara Home wäre ich beinahe eingekehrt, um mein zu Hause den Vorschlägen der Dekorateure folgend ähnlich zu gestalten. Ich habe viel fotografiert an diesem Tag, das Meiste habe ich später gelöscht. Mit Recht.

WP_20151212_12_59_53_Pro
Schaufenster Dolce & Gabbana
WP_20151212_13_00_21_Pro
Schaufenster von Chanel

Ein wenig stimmungsvoller wurde es dann in den Fenstern der teuren Boutiquen. Hier fand ich wenigstens des Öteren ein durchgehend interpretiertes Motto. Bei Hérmes war es das geheimnisvolle Licht des Mondes in Verbindung mit den schönen Mustern der Carrés und bei Chanel die Verbindung vom Weiß des Schnees mit den sanften Farben der ausgestellten Modelle. Dolce & Gabbana zelebrierte einen Tisch in überbordender Üppigkeit mit Trauben, Blumen und allerlei Zierrat ganz im Stile der alter Gemälde und Bottega Veneta punktete mit grellbunten Nikolausköpfen, die aussahen wie überdimensionierte Weihnachtsbaumanhänger. Doch mit dem Wissen, dass im Stammhaus des Modeunternehmens Hérmes in Paris Schaufensterinszenierungen der Designerin Leila Menchari geradezu gefeiert werden, blieb ich weiter enttäuscht.

Bottega Veneta
Schaufenster von Bottega Veneta

Die Tage vergingen und auf jedem meiner Wege inspizierte ich die Dekorationen und Auslagen der vorbeiziehenden Schaufenster. Ich bat Freunde und Bekannte, auch aufmerksam meine Suche zu unterstützen und bekam wenige, aber doch ambitionierte Anregungen.

 

Creperie
Eingangstür der Créperie Melt Berlin

So schickte Eva mir ein Bild, es zeigt den Eingang der Crêperie Melt in Friedrichshain. Eigentlich stand dieses Viertel nicht auf der MussIchHingehenListe, denn ich war nicht überzeugt vom Willen der Neu- Friedrichshainer Ladenbesitzer, Kunden mit besonderen Dekorationen zu sich zu holen. Ich vermute dort eine besondere Arroganz und Erhabenheit. Aber diese kleine Crêperie in der Grüneberger Straße macht schon durch seine in roten Farben und in jedem Fall mit eigener Hand weihnachtlich bemalten Scheiben auf sich aufmerksam. Die Frau mit dem halben Turban, die glücklich beseelt und beständig singend zwischen Teigschüssel, Kaffeemaschine und ihren Gästen flatterte, erinnerte mich sofort an Vianne aus dem Film „Chocolat“. Ich war neugierig ob ihres richtigen Namens, aber ich traute mir die Frage nicht, ich hatte Angst, ich müsste dann mit ihr tanzen. So saß ich und verschlang mein Crêpes und beobachtete fasziniert das muntere Vögelchen in ihrem heimeligen Reich.

WP_20151212_12_50_12_Pro
Schaufenster der Insel-Apotheke in der Wilmersdorfer Straße

Zugegebenermaßen ist es für einen Anbieter dekorativer Dinge einfacher, ein Weihnachtsschaufenster zu gestalten als für den Verkäufer von Handys oder Bratwürsten. Aber auch hier bewies mir ein Tipp das Gegenteil und ich erfreute mich am Fenster der Insel-Apotheke in der Wilmersdorfer Straße, die auf eine sehr schöne Sammlung von Weihnachtskrippen aus unterschiedlichen Kulturkreisen verweisen konnte. Vielleicht nicht die dekorativste Umsetzung aber eine sehr lehrreiche Idee.

Den eigentlichen Anstoß zur Suche nach dem perfekten Weihnachtsschaufenster bekam ich  beim Betrachten des etwas hollywood’sch anmutenden Weihnachtsbaumes, der sich zwischen die wundersam schönen Objekte von Klaus Dupont geschlichen hatte. Eine Idee der Herren DvonK, gewohnt ungewöhnlich Spitzenklasse. Klaus Dupont legte mir dann noch ein gewisses Schaufenster in der Suarezstraße ans Herz, das mir nicht nur einen ganz und gar verstörenden Blick auf die Möglichkeiten einer Schaufensterdekoration gab, sondern auch eine traurige Erkenntnis.

WP_20151129_14_49_56_Pro
Schaufenster von Lehmanns Colonialwaren. Eine Website gibt es nicht – aber was ist schöner, als selbst in eine vergangene Zeit abzutauchen?

Die Suarezstraße in Berlin Charlottenburg ist bekannt für ihre Ansammlung an Antiquitätengeschäften. Dort fand ich an einem regnerischen Sonntagnachmittag dann also das Geschäft von Herrn Lehmann. Sein Schaufenster zeigte eine düstere Ansammlung morbider Objekte. Nichts war weihnachtlich, doch irgendwie passte es in die Zeit. Alte, wurmzerfressene Bücher stapelten sich willkürlich übereinander, aufgeschlagen so manches und mit tristen Darstellungen einer vergangenen Zeit, dazwischen ausgestopfte Ratten (unverkäufliches Kennzeichen der Ladenbesitzer, wie ich später erfuhr), ein Totenkopf, nackte, anklagend nach oben zeigende Hände. So skurril es anmutete, so genial war es jedoch. Einige Tage später ging ich noch einmal durch die Suarezstraße und an dem kleinen Antiquitätengeschäft vorbei. Herrn Lehmann traf ich in entspanntem Gespräch mit einem Bekannten und  Rotwein trinkend an. Die Auslage hatte schon wieder gewechselt, aber die alten Bücher aus dem 17. Jahrhundert hat er mir gezeigt. Und ich habe sehr nachdenkenswerte Sätze aus dem Mund von Herrn Lehmann gehört. „Nur wenige Menschen nehmen sich zu Weihnachten die Zeit, ein wirklich persönliches Geschenk für einen anderen Menschen zu finden. Alles muss schnell gehen. Man schenkt Gutscheine, Technik, Gewöhnliches … nachdenken jedoch tut kaum noch einer.“ Ich habe Tage nach diesem Gespräch ein bereits gekauftes Geschenk für eine Freundin zurückgebracht. Es schien mir nicht mehr passend, es hatte keine Geschichte. Ich warte lieber, bis ich etwas finde, was dieses Band zwischen ihr und mir begründet. Und ich habe während des Gesprächs mit Herrn Lehmann einen kleinen Gegenstand entdeckt, der genau das Passende für einen lieben Menschen ist. Es wird seinen Platz unter dem Weihnachtsbaum finden.

Nachsatz

Gebrauchswerbegestalter, dass wollte ich einmal werden. Und dann Innenarchitektur studieren. Denn trotz Warenknappheit und der Not geschuldetem, praktischem Design gab es bei den Menschen in der damaligen DDR natürlich den Wunsch sich mit schönen und ansehenswerten Dingen zu umgeben. 1986 gab es im ehemaligen Bezirk Dresden eine einzige Ausbildungsstelle für diese sogenannte Berufsausbildung mit Abitur und ich habe sie nicht bekommen. Doch die Lust, Dinge wirkungsvoll in Szene zu setzen ist geblieben. Und die Freude, mich in meinem täglichen Leben mit diesen Dingen zu umgeben.