Salon im Grünen

Wenn ich in die Ferne sah, vorbei an der munter vor sich hin schwatzenden Menschenmenge, dann sah ich die Luft staubig flimmern unter der Nachmittagssonne des Augusttages. Um mich herum die mageren Brandenburger Wiesen, voller Grün jedoch und wild duftender kleiner Blumen, Vögel in den Zweigen der Bäume und Sträucher, Insekten tanzen. Vor ca. 30 Minuten waren wir mit unseren Autos aus dem nahem Berlin angekommen (den Platz hier hatte ich natürlich vorher ganz bewusst gesucht.) Wir hatten farbenfrohe Decken und Kissen um uns ausgebreitet, ein paar niedrige Hocker auf dem Boden verteilt und Teller voll duftendem Kirschkuchen und klassischen Wurst – Käse – Schnittchen, Tassen, Gläser, Kaffee und Prosecco auf kleinen Tischen aufgetürmt. Und dann natürlich die Bücher, 13 Stück genau, jeder meiner Salongäste hatte eines mitgebracht. Einzige Bedingung für die Auswahl des Buches war, dass es etwas berichtet über die Heimat seines Besitzers.

Ich wollte jeden Einzelnen dazu bringen, etwas über seine Wurzeln zu erzählen. Ob es eine Geschichte war, die Beschreibung einer Landschaft, der Menschen, egal. Und natürlich erhoffte ich mir davon auch, dass man über dem Erzählen hingelangen würde zu einer ganz persönlichen Erinnerung, einem Traum, einer noch unerledigten Sache, einer heimlichen Schuld. Würde sich der Eine oder Andere öffnen können, würde er Vertrauen fassen zu den Anderen, würden Fragen gestellt werden, gäbe es Anteilnahme?

Meine größte Angst war es eine Vorstellung zu erleben wie in der Schule: heute erzähle ich etwas über die Bodenschätze in Weißrussland, hier und da und dann dort, vielen Dank und hoffentlich war fachlich alles richtig, setzen 2+, Erdöl gibt es nämlich auch daneben und so. Nein, das wollte ich auf keinen Fall. Es sollte ein richtiges Gespräch werden zwischen dem, der gerade in Gedanken seine Heimat durchstreift und denen, die in diese Welt sich hineindenken. Eine Fantasiereise, ein „DaMöchteIchAuchHin“ oder „WelchSchicksalDasTutMirSehrLeid“, alles so etwas, ein anregendes, ein interessantes Gespräch, begleitet von klingenden Gläsern und andächtig in den Mund geschobenen Kirschkuchenhappen.

Ich ließ dem bunten Treiben noch einen Moment Raum, bevor ich alle zusammenrief. Und für uns alle begann nun eine große Reise: Wir waren gemeinsam im lauten Bochum und tobten mit den anderen Kindern zwischen den grauen Häuserzeilen, wir lagen unter Omas Apfelbaum und konnten nicht genug bekommen von ihren süßen Lausitzer Köstlichkeiten. Der Nächste entführte uns mit einem tollen Bildband und glühenden Beschreibungen in eine unbeschwerte Kindheit in den Bergen. Ja, wir waren auch an der Ostsee und fanden es auch nicht so lustig, dass im Sommer immer alles voller Urlauber war und wir einfach keinen Platz mehr für uns fanden. Bevor eine politische Diskussion allzu hitzig werden drohte träumten wir uns schnell hinweg ins biedere Bayern und lachten über die gelungenen Streiche während der nicht immer so spannenden Religionsstunde. Weit weg ging es auch, bis in die lebhafte Stadt Budapest mit seinen großen Wohnungen und Treppenhäusern, in denen man immer riechen konnte, was es wohl zum Essen gab. Viel Historie erfuhren wir über Dresden und selbst die Berliner unter den Salongästen konnten von Geschehen und Orten erzählen, die noch kaum einer kannte. Natürlich schwang oft Wehmut mit, auch Traurigkeit. Über eine verlorene Landschaft, die nicht mehr wiederkehrende Zeit, verpasste Chancen.

Aber es tat gut, noch einmal oder überhaupt darüber gesprochen zu haben. Über eine Zeit und einen Ort, der doch untrennbar zu jedem Einzelnen gehört. Lachend, nachdenklich, sehr beredt oder auch ganz still ging der „Salon im Grünen“ zu Ende, wir packten die Tische und Stühlen und Decken und die Reste des üppigen Mahls zusammen und fuhren zurück in die Stadt, die gerade für uns alle mehr oder weniger eine Heimat ist.