PARIS in BERLIN. Eine Spurensuche

Kann ich in Berlin auch ein bisschen das Pariser Flair spüren? Oder lässt mein Berlin nichts anders erleben als eben Berlin? Wenn ich Filme oder Berichte aus den 30iger Jahren sehe, dann sind sich die Städte in mancher Sicht doch recht gleich: Dekadenz und Strenge gab es da wie hier, Sittsamkeit und Frivolität auch. Doch wo hier in Berlin falle ich hinein in das Gefühl, das ein später Sommernachmittag in den Gassen von Paris in mir hinterlässt? Erzeugen Orte in Berlin, die so französisch sein wollen, wirklich das gesuchte Lebensgefühl. Namhafte Orte, wie die Paris-Bar, das Cinema Paris, das Galerie Lafayette oder auch die zahlreichen Französischen Restaurants.

Vor wenigen Wochen fand ich dann so ganz bewusst Paris in Berlin: im Restaurant Manzini in der Ludwigkirchstraße. Kleine Bistrotische vor und im Restaurant, eine bunt gemischte Speisenkarte, ein warmer Gelbton an den Wänden über dem grünen Leder, ein Publikum ganz wild gewürfelt und auf dem blank polierten Tresen ein prachtvolles Blumenbukett aus etwas altbackenen Herbstblumen. Wir fanden das Restaurant an einem frühen Nachmittag, als uns irgendwie nach einem Champagner war und wir außerdem hungrig. Warum wir einen PERRIER JOUET bestellten? Keine Ahnung. Wahrscheinlich, weil man diesen auf kaum einer Getränkekarte in Berlin findet und mich seine blumengeschmückte grüne Flasche immer ein wenig an Jugendstil und schwülstige Treppenaufgänge mit pompösen Wohnungen am oberen Ende erinnert. Pasquale schob die beiden kleinen Tische vor uns eng nebeneinander, sagte kein Wort, obwohl wir nun gleich zwei der Tischchen belegten, breitete ein weißes Tuch darüber aus und servierte so diskret und perfekt Champagner, Lamm und Ente, wie ich es selten erlebte. Das er gerade Pasqual heißt ist ein Zufall, der Rest der Mannschaft scheint aus allen Himmelsrichtungen zu kommen wie die Menschen es in Berlin tun und noch mehr in Paris. Lamm und Ente und Champagner sind vielleicht nicht das klassische Paar, lecker doch irgendwie sehr. Wir genossen 3 Stunden in völliger Ruhe und Entspanntheit, ohne Drängen seitens Pasqual‘s, ohne das Gefühl, etwas würde uns gerade davonlaufen. Pariser Gefühle.

Spät an diesen Abend noch eilte ich die Stufen hinauf in dem großartig angelegten Treppenhaus eines Charlottenburger Eckhauses, ein eben zuvor verabredetes Rendezvous. Geschwungene Geländer unter stuckverzierten Decken. Kurz blieb ich stehen, um noch einmal in mich hinein zu lauschen. Mein Blick verlor sich durch die kastenförmig unterteilten Fenster in den dunklen Hinterhof. Nur ein Augenblick der Besinnung und der Gedanken. Als das Licht der Treppenhausbeleuchtung verlosch, ging ich weiter, hinauf zum Ende der Welt. Ich war sicher, dass Paris heute Nacht bei mir bleiben wird.

In den Strahlen des nächsten Vormittags wollte ich mich einfach weiter treiben lassen durch meine Pariser Erinnerung an Eleganz, Leichtigkeit, Unbekümmertheit … doch im von mir favorisierten Galeries Lafayette mit seinen Etagen voll Luxus und Schönheit fand ich das Gefühl nicht wieder. Denn eigentlich bin ich sehr gern dort, verlasse nie ohne eine Topf meiner geliebten Fischsuppe die Feinschmeckerabteilung im Untergeschoss. Doch dass Kaufhaus ist in seiner Organisiertheit und Geschäftstüchtigkeit, in seinen ganzen Aktionen zu sehr schon Berlin. Da helfen auch die französischen Durchsagen des Mannes mit der sonoren Stimme nicht, die beständig die Mitarbeiter von einem zum anderen Ort rufen. Ich versuche es noch mal an der Kuchentheke mit den so bekannten Macarons. Aber das Gefühl will nicht kommen.

Anders in der in der Uhlandstraße gelegenen exzentrischen Boutique HAUTNAH. Der Salon wurde mir empfohlen für meine Suche nach einem ausgefallenen Kleid für die zu feiernde 30iger Jahre Party am kommenden Wochenende. Schon nach den ersten Schritten hinein in die glitzerbunte Welt von eleganten Pumps und mondänen Kostümen, von verführerischem Untendrunter und trendiger Clubmode konnte ich Berlin und Paris nicht mehr trennen. Ich lehnte mich in meinen Gedanken schon an die Tresen der überfüllten Clubs und heimlichen Bars von Paris und Berlin, lies mich von der Musik entführen in die ewig der Vergangenheit nachtrauernden Tanzsälen und vergaß mich in den ausufernden Nächten ungehemmten Feierns. Meine Abendgarderobe habe ich natürlich gefunden: bodenlang und dunkelgrün, hauteng und trotzdem ein wenig verspielt. „Wie für Dich gemacht“ dachte ich, als mir die Frau mit dem erkennenden Blick das Kleid aus den Tiefen des riesigen Fundus heraus brachte.

Nur Tage später noch einmal dieses Gefühl, weit weg zu sein von Berlin. In einem kleinen Café in Charlottenburg. Kein SojaLatteMitStevia, keine Bio-Brötchen mit selbstgemachter Marmelade, keine Fragen nach der Art und Weise der Zubereitung und überhaupt der Sorte. Es gab einfach einen Kaffee, eine ausgelesene Zeitung und einen Kellner, der sich seine kurze Zigarette für Zwischendurch direkt neben mir anzuzündete. Und dann rauchten wir in trauter Zweisamkeit, schweigend, gedankenverloren.

Heute ist der 14. November. Ein Tag, nachdem Paris diese Leichtigkeit genommen wurde, wie schon oft in seiner Geschichte. Jetzt ist Paris ganz allgegenwärtig in Berlin, doch voll Trauer und Ungläubigkeit. Eben erreichte mich noch eine Nachricht von Sébastien, ich habe während meiner schönen Tage im September in Paris in seiner Wohnung gelebt: „France is and will stay. Liberté, égalité, fraternité!“