Musik, Samariterkirche Berlin Friedrichshain.

Wie so oft habe ich mich in Neugier und ohne jegliche inhaltliche Vorbereitung aufgemacht, um ein Konzert zu hören. Ich gestehe, ich lasse mich gern von Musik einlullen oder aufrütteln oder auch mal hinwegtreiben. Natürlich kann (oder sollte?!) man vorher sich über das Stück möglichst genau belesen, über seinen Anspruch und seine Aussage und so weiter. Doch mir stiehlt das immer so ein wenig vom Hörgenuss, meine Aufmerksamkeit ist dann gespannt auf die bereits erklärten Höhepunkte und Wendungen und so weiter. Dann überhöre ich womöglich die Dinge, die in meinen Ohren wohlgefällig oder unrund klingen, verpasse meine eigenen Gedanken zum Gehörten. Doch genug der Denkerei, die Fakten:

Der Gemeindechor der Samariterkirche Berlin Friedrichshain unter Leitung von Landessingwart Lothar Kirchbaum trug vor die Missa in tempore belli (`Messe in Zeiten des Krieges`) von Joseph Haydn, vorangestellt die Festovertüre „Ein feste Burg ist unser Gott“ von Otto Nicolai. Der rührige Herr Kirchbaum schwang sich zu Beginn ein wenig trotzig an das Pult und erzählte der vereinzelt in den Reihen sitzenden Hörerschaft in sehr gut platzierten Sätzen wissenswertes zum Hintergrund der beiden Werke, verwies auf die Bedeutung der Messe im kirchlichen Tagesgeschehen und wies natürlich auf die ungebrochene Beziehung gerade dieser Musik in den aktuellen Zeiten hin. Durch die fröhlich bunten Fenster der frisch renovierten Kirche stahl sich ungehemmt die Sonne, die Musiker direkt darunter sahen etwas unsicher und ungläubig in die Zuschauerreihen, die sich in trauriger Unterzahl befanden.

Die Musik und das Engagement der Sänger und Instrumentalisten hat mich festgehalten, vom ersten Moment an. Kraftvoll kamen die Forte herüber, eine sehr eigene Akustik. Sanft schwebten die Piano durch die Luft. Wenn ich mich nicht gerade verlor in den Harmonien, Paukenschlägen oder den Betrachtungen des flimmernden Staubes, dann nahm ich das Gesicht einer jungen Sängerin gefangen, die voller Inbrunst und in jedem Moment ihres Gesanges strahlend über ihrem Notenblatt und der leeren Kirche jubelte. Eine tolle Leistung, ein solches Werk in der Freizeit einzustudieren und es trotz offensichtlicher Disharmonien zum Dirigenten so zu präsentieren.

Johanna, eine der Sängerinnen, hat mir später erzählt, dass sie nicht so glücklich war mit diesem Tag und diesem Auftritt. Keiner singt gern vor leeren Sitzen. Und die Generalprobe am Vormittag hatte sie viel Kraft gekostet, da blieb nicht so viel Zeit für die geliebte Vorfreude. Aber ihre Liebe zur Kirchenmusik war trotzdem zu spüren in ihren Worten, jederzeit.

Ich habe diesen Nachmittag unter dem Kirchenhimmel sehr genossen. Er hat mir ein wenig Frieden gegeben, einen stillen Moment, einen rebellischen Gedanken. Danke an die Musiker, an ihren Dirigenten, an die erhabene Ruhe der Samariterkirche. am 4. Adventswochenende wird der Chor wieder singen und freut sich über jeden lauschenden Träumer.

Samariterkirche Berlin, Samariterstraße, 10247 Berlin, www.gsfn.de