Lernen, mit Worten Bilder zu malen.

Gefeiert wird der Umzug in die neuen Geschäftsräume text: van Laak, es ist spät im November. Bereits beim Eintreten begrüßt mich Roger Kutschki mit den Worten „Hallo und Willkommen, wir kennen uns.“ Ich bin irritiert, ich kenne ihn höchsten aus Nebensätzen meiner Unterhaltungen mit Petra van Laak.

Meine ersten literarischen Ergüsse

Es ist mir immer etwas suspekt und auch unangenehm, wenn ich mich nicht an mein Gegenüber erinnere und es eigentlich sollte. Doch die Irritation wird schnell aufgeklärt: Als Direktionsassistentin im Waldorf Astoria Berlin beantwortete ich einst auch die zahlreichen Mails, Briefe und Anrufe von Gästen, Journalisten und sonstigen Interessierten und war genötigt, halbwegs gut klingende Sätze zu formulieren. (Ich gestehe, ich hatte auch einen Anspruch … ). Sie äußerten sich in Scharen gefragt und ungefragt über die besonders schönen und zugegebenermaßen aufregenswerten Dinge im neu eröffneten Haus. Und so bemühte ich Erklärungen, warum die Lampen im Romanischen Kaffee so ein wenig an IKEA erinnern, weshalb in unserer Luxusherberge nicht für jeden Gast 6 Handtücher vorgesehen sind und stimmte in das Loblied über die grandiose Sicht aus den Towersuiten hinunter auf die Elefanten im ZOO ein. Ich versuchte, jede Nachricht mit einer ganz persönlichen Note zu versehen. Wenn ich mich für einen geschehenen Fehler entschuldigte, dann wollte ich, dass mein Leser den Worten auch unsere Zerknirschtheit entnahm und weniger unseren Frust um das Wissend der Fehler. Roger Kutschki jedenfalls hat sich auch geäußert, mehr noch, er hat sich heftig beschwert. Ich habe es mit meinen Worten zumindest in seine Erinnerung geschafft, eine befriedigende Antwort konnte ich ihm wohl nicht geben, wie er sagt. Nun gut.

Wenige Wochen nach der Eröffnung des Waldorf Astoria, im Frühling 2012, schrieb das Haus den Literarischen Wettbewerb im Romanischen Café aus und ich wurde mit seiner Organisation betraut. Eingeschüchtert von der Anwesenheit der Schriftsteller und derer so schönen Worte musste ich nun auch diesen noch regelmäßig Nachrichten schreiben. Ich tüftelte gefühlte Ewigkeiten an meinen Sätzen. Bei diesem Wettbewerb habe ich Petra van Laak kennengelernt, sie war eine der gewählten Teilnehmerinnen. Während der drei Monate dauernden Wettbewerbszeit saß sie oft im Romanischen Café. „Mein Außenbüro“ nannte sie es manchmal. Sie beobachtete, schrieb, trank Milchkaffee und manchmal setzte ich mich zu ihr und wir redeten. Es waren sicher belanglose Dinge, ich erinnere nicht alle unsere Inhalte, aber ich erinnere die Zufriedenheit, mit der ich danach wieder in meinen hektischen Alltag eintauchte. Petra gewann den Wettbewerb mit einer sehr einfühlsamen Liebesgeschichte über einen Koch und eine Kellnerin und wir blieben fortan in Verbindung.

Nun gehe ich sehr aufmerksam durch die neuen Geschäftsräume text: van Laak. Sehe den großen Seminartisch, werfe einen Blick durch die raumbreiten Fenster hinüber über den Hof und hinein in andere kreative Büros. Ein Beamer wirft in gleichmäßiger Wiederkehr Worte an eine Wand. „Ei der Daus“, „Bratkartoffelverhältnis“, „Plumeau“, „fürderhin“ … Bilder entstehen in meinem Kopf. Und ich erinnere einen heißen Frühlingstag im vergangenen Jahr…

Wie erzähle ich eine Geschichte

Petra hatte mich eingeladen, meine wortsuchenden Ansätze aus den eMails im Waldorf Astoria auszubauen und mit ein wenig Grundwissen zu untermauern. Konkret ging es bei diesem Schreibseminar um das Thema Storytelling oder die große Frage: wie kann ich mich und mein Produkt informativ und gleichzeitig lebendig, aufregend, zum SofortHabenWollen beschreiben. Da war ja auch noch die Idee in meinem Kopf, einen Salon zu gründen. Und so saß ich inmitten der kleinen Gruppe wissbegieriger Köpfe vor farbenfrohen Oktavheftchen, jeder von uns mit seinen großen Traum im Kopf. Wir übten uns in spannenden Einleitungen aus drei Sätzen: „Held“ und „Ziel“ und „Hindernis.“ Wir fotografierten mit unseren Smartphones Petras Skizze über  optimalen Geschichtenaufbau und diskutierten gemeinsam oder allein über das „WarumTueIchDasEigentlichUndWasKannIchAnderenGeben“. Verständliche Theorie und praktische Übungen, die funktionieren, auch heute noch. Eine gelungene Mischung.

Doch bemerkenswert nachhaltig war der kleine Film, den wir gemeinsam sahen. Es war der Vorspann zum Disney-Trickfilm „OBEN“. Nur von Musik untermalte das Geschehen. Die Bilder, die Gesten erzeugten Worte, sprachen jeden Satz mit Punkt und Komma und all den anderen aussagekräftigen Satzzeichen. Wir erlebten in nur wenigen Minuten das Leben eines Paares, von den ersten unbekümmerten Momenten einer Liebe bis zum einsamen Alleinsein des Zurückbleibenden. Wir spürten die Unbekümmertheit der jungen Frau, die etwas tapsige Unbeholfenheit des Mannes, wir fühlten in jedem Moment ihre tiefe Liebe, litten mit ihnen um das tote Kind und weinten, als sie sich von ihrer schweren Krankheit nicht mehr erholte. Dieser kleine Film vermittelte uns in der Umkehr die Aufgabe, die uns Petra an diesem Tag vermittelte: Bilder zu erzeugen über die Kraft unserer Sätze. Bilder, die so eingängig sind, dass sie einen Film in den Köpfen unserer Leser erzeugen. Eine kleine Geschichte, die erinnerbar ist, Lust macht auf mehr.

Meine schon tief versteckte Lust und mein Wollen, zu schreiben, war nach diesen Stunden erwacht. Ich hatte ein Kribbeln in den Fingern und Geschichtenschnipsel kreisten in meinem Kopf. Ich begann regelmäßig zu schreiben und dieser schöne Rausch des Versinkens in den Wörtern hört einfach nicht auf.

Worte zu einem Blumenstrauß binden

Das Schreiben jeder einzelnen Geschichte gleicht dem Binden eines Blumenstraußes. Auf meinen Wegen in und durch Berlin, auf den unterschiedlichsten Veranstaltungen und Treffen sammle ich meine Eindrücke wie die Blumen und Gräser in einem riesigen Garten, manchmal ist es auch nur ein Feldrand. Aus diesem riesigen Sammelsurium binde ich dann den Strauß, forme Gedanken zu meiner Geschichte. Es muss immer schnell gehen, weil Blumen wie Gedanken schnell welken, der erste Eindruck sich wandelt oder in der Erinnerung versinkt. Manchmal habe ich vorher eine Idee von Form und Farbe, manchmal ergibt es sich währen der Arbeit. Ich habe auch den ganzen Strauß schon wieder auseinander gepflückt, weil er mir nicht gefiel. Wenn das grobe Gerüst der Geschichte steht, ändere ich einzelne Worte, Sätze, streiche und ergänze. Das kleine türkisfarbene Buch mit dem Wissen des Seminars liegt beim Schreiben oft neben mir. Der fertige Strauß ist dann wie eine Befreiung und ich muss mich erst einmal hinsetzen und ihn genießen. Fast immer fühle ich mich in diesem Moment auch ziemlich geschafft und ausgelaugt. Aber der Strauß leuchtet, er verbreitet einen eigenartigen Reiz, er macht Freude, ich kann ihn verschenken oder behalten. Manchmal bleibt der Duft im Kopf und fliegt gelegentlich sehnsuchtsvoll vorbei, manchmal welkt die Pracht schnell dahin. So ist das mit meinen Geschichten.

Wieder zurück im Hier und Jetzt und beim Feiern nehme ich mein Glas Wein und mische mich unter die zahlreichen Gäste, finde gute und nachdenkenswerte Gespräche. Zurückkommen werde ich in jedem Fall. Auf ein Glas Milchkaffe und eine kleine Zeit mit Petra oder auch auf der Suche nach Worten, nach Wissen, nach Gedanken.

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