Kunst entdecken. Heute: Engel in Weißensee.

Darin liegt das Wesen des Zufalls: dass er uns in der für den Moment gegebenen Situation die Qualität des Augenblicks zeigt. Die entscheidende Komponente dabei sind wir selbst, ist unsere Aufmerksamkeit, ist unser Drang, wirklich etwas erkennen und wissen zu wollen. Das gilt ganz besonders für die Kunst.

Die Gedanken der Künstlerin

Vielleicht wäre ich an einem anderen Ort an den Engelskulpturen von Heidrun Feistner einfach vorbeigegangen. Hätte sie nicht beachtet. Wieder einmal mehr tief in mich versenkt, eher gleichgültig gegenüber den anderen und wartend auf einen Impuls, der mich von außen berührt.

Heute nun, einige Tage später, beschäftigten die Engel meine Gedanken, ich sehe meine Fotos von ihnen an und streife erinnernd durch den hellen Raum in einem Hinterhof in Berlin Weißensee. Ich höre Heidrun zu, die über ihre Arbeiten spricht. Lebendig, voll Liebe und Vertrauen, mit etwas Unsicherheit in der Stimme. Etwas unsicher und schüchtern auch ihr Blick zu den Menschen um Sie herum. An manchen Stellen ein wenig auswendig gelernt ihre so bezaubernden Worte und Erklärungen, als traue sie ihrem eigenen Instinkt nicht. Sie erzählt uns von dem Werdegang ihrer Engel vom bloßen Stein bis zu seinem von ihrer Hand geschaffenen neuen Gesicht. Wie sie bei Ihrer Arbeit die eigen Form findet und an ihr festhält „Ich binde mich an diesen Mast …“ In Erinnerung an den Odysseus. Sie sieht, dass dieser Handgriff zu einem Miro führen könnte und jener zu einem Matisse. Aber sie bleibt doch konsequent bei dem, was der Stein und der Weg ihrer Beschäftigung mit ihm hervorbringt. Bleibt bei den Erkenntnissen ihrer Auseinandersetzung mit den Gedanken und der Arbeit ihrer Hände. Hier nun sind es ihre Engel mit den gradlinigen Gesichtern in Bronze und Stein. Zerbrechlich scheinen mir einige von ihnen, kraftvoll doch in ihrer klaren Form.

Niemand anders als Heidrun Feistner selbst kann ihre Engel beschreiben, die den Weg begleitenden Umstände, ihre manchmal zögernden und dann wieder fordernden Hände, die Auseinandersetzungen im Kopf und das nachdenkliche Umstreifen eines unvollendeten Werkes, zu dem der Zugang noch nicht gefunden wurde. Wir Außenstehenden müssen uns einfühlen in das Objekt oder es einordnen in die eigenen Gefühle. Nicht anders ist es möglich, es zu lieben und vielleicht in unser Leben einzulassen.

Um die Engel für mich zu adoptieren habe ich mit den Farben der Fotos gespielt und sie so für mich verändert. Dem einen gab ich ein großes Herz und den anderen eine alle Emotionen verdeckende Farbe. Ein weiterer wurde so verändert, dass ich den Stein, aus dem er gemacht wurde, gnadenlos heftig und übertrieben sehen kann. Eine mögliche, meine Interpretation.

Meine Gedanken zum Kunst entdecken

Diesen lauen Sommerabend habe ich mit meiner Freundin Eva erlebt, zwischen Kunstgießerei und Bratwurst, Heidruns Engeln und anderen Kunstobjekten, zwei Gläsern Wein und weit vom Geschehen abschweifenden, auch ernsten Gesprächen. Wir haben festgestellt, dass wir von den von Heidrun in der Ausstellung zitierten Dichtern doch jeder einen kennen: Eva den in den 20iger und 30iger Jahren wirkenden Philosophen und Übersetzter der großen Franzosen Walter Benjamin und ich den englischen Romantiker Percy Bysshe Shelley. In so manchen Momenten erheben sich in meinen traurigen Gedanken die letzten Worte seiner ODE AN DEN WESTWIND … Wenn Winter naht, kann fern der Frühling sein?

Wichtig und doch nebenbei sei erwähnt, dass ich den kleinen Einblick in die Arbeit der zur Galerie gehörende Kunstgießerei mehr als nur interessant fand. Wie oft denkt man nicht darüber nach, wie etwas entsteht, kennt nicht Details und Herausforderungen und so auch nicht das Wesen der Menschen, die dies tun. Zudem hat die Gießerei ihren Sitz in sehr historischen Räumen gefunden, der auch bereits in den 20iger Jahren arbeitenden Eisengießerei Behr.

Ich weiß, ich habe einmal geschrieben, dass mich Dinge vom ersten Moment an begeistern müssen, sonst haben sie in meinem Leben kaum Chancen auf meine Aufmerksamkeit. Aber an diesem Abend bin ich wieder mit einer Erkenntnis gegangen: den eigenen Weg finden, festhalten, sich anbinden. Auch gegen Widerstände, gegen die eigene Unsicherheit und auch die Angst, einen einsamen Weg zu gehen.

Wer Heidrun Feistners Engel sehen und vielleicht auch für sich möchte, kann dies noch bis zum 2. September 2016 tun.

Kunstgiesserei und Galerie Flierl

Friesickestraße 17

13086 Berlin

Telefon 030 44 55 181

post@kunstgiesserei-flierl.de