Kleine Nachtrevue. Sich verlieren im Vergessen.

Es ist Winter geworden in Berlin. Die Feste, die wir den vergangenen Sommer so hemmungslos feierten, nur noch schöne Erinnerung. Routine und Langeweile suchten sich fast ohne Gegenwehr ihren Raum. Und dennoch blieb da ein Aufbäumen ganz tief im Inneren und so träumten wir uns in ein Berlin der 30iger Jahre, eine Stadt der unbekümmerten Partys, der Schamlosigkeit, der Unbeschwertheit und des Vergessen, einem Berlin der durchfeierten Nächte ohne Gedanken an das Morgen in dem gerade nicht zu bewältigenden Alltag. Wir dachten dabei vor allem an die zahlreichen kleinen Varietés, Cabarets, Kneipen, zwielichtigen Etablissements mit ihren großen und kleinen Künstlern. „Schade, dass es so etwas nicht mehr gibt. Nur noch diese großen, völlig überfrachteten und auf Kommerz getrimmten Shows. Krach Bum Schrei Tusch. Und am Ende die immer wieder gleiche Endtäuschung“ Ich sah ein Lächeln auf dem Gesicht meines Gegenüber „Lass mich Dich entführen in eine solche Zeit. In Unbekümmertheit und Vergessen, Versunken in das Jetzt“

Wenig später kam seine Einladung in die Kleine Nachtrevue in der Kurfürstenstraße, Erotisches Theater und Burlesque. In welche Welt tauche ich hier ein? Wen werde ich treffen und wie gelingt das Vergessen, das Unbekümmert sein? Was zieht man an einem solchen Abend an? Eher bieder oder eher frivol? Ist es egal? Auf der Website las ich noch: kein Dresscode. Ich war unsicher. Ist es nicht besser, sich ein wenig anzupassen?

Ich entschloss mich am Ende zu GanzInSchwarz aber recht durchsichtig. Kann man ja alles draus deuten und wenn es dunkel ist sieht es auch keiner. Ich war zu früh zu unserer Verabredung und stand also einsam vor der schwarzen Tür, pinkfarben angeleuchtet von einem Neonschild. Allein rumstehen geht schon mal gar nicht, dachte ich mir, da geh ich doch lieber schon mal rein und setz mich an die Bar, wenn es dort eine gibt. Ganz selbstbewusst öffnete ich die Tür und sah mich einem entwaffnenden Lächeln von Silvie gegenüber. Sylvia Schmid ist die Besitzerin der Kleinen Nachtrevue, quirlig und ständig am Erzählen, aufgeweckt und offen und ich sollte noch später mit ihr einen kleinen, aber durchaus liebenswerten Disput führen. Der Rest der kleinen Künstlertruppe drängte sich um den geschwungenen Tresen, wahrscheinlich in Vorbereitung des Abends einen kleinen Plausch führend. Alle waren sie bereits in voller Garderobe, geschminkt. Sie schauten mich an, routiniert, gelangweilt, neugierig und vertieften sich gleich wieder in ihre eigene Welt. Ganz präsent und wach jedoch das verschmitzte Lächeln des Mannes mit der dicken Pomade im Haar und gezwirbeltem Schnurrbart, ein Beau, ein Verführer mit Hintergedanken, ein unbekümmert in den Tag lebender Filou. Bei meinem Eintreten trug er einen schwarzen Einteiler, der eher enthüllte als verbarg und er baggerte vom ersten Moment schamlos und frivol jeden Mann und jede Frau an, die seinen Weg kreuzten. Für seinen hemmungslosen Tanz im Bananenröckchen, später am Abend, hätte auch ich fast willenlos seine Muse gegeben.

Ich war fast allein in der Bar. Nur ein in sich selbst versunkenes Pärchen saß noch in den tiefen Stühlen. Ich bestellte mir einen Gin Tonic. Gin Mädchen, dachte ich, kommen zumindest immer selbstbewusst rüber. Wenn schon mein Begleiter nicht eine halbe Stunde vor dem Date schmachtend vor der Tür auf mich wartet, dann kann ich wenigstens schon mal selbstbewusst an der Bar sitzen und ungeniert mit dem Beau flirten, den Gesprächen lauschen, mich in das schummrige Licht fallen lassen und die goldgewölbte Decke über mir betrachten.

Irgendwann kam auch der Mann, der sich mit mir an diesem Abend verlieren wollte in der Unbekümmertheit der Zeit. Wir ergaben uns dann der immer schüchtern bleibenden, doch so schönen exotischen Frau und ihren Angeboten an Getränken und anmutigen Bewegungen. Sie tanzte dann tief in der Nacht ihre wunderbaren, ausdrucksstarken und selbstvergessenen erotischen Tänze. Ihre Bewegungen waren so elegant, so verloren im Raum, wir konnten alles um uns herum vergessen.

Dieser Abend, die Show hielt genau das, was sie versprach: es war bunt und laut, sinnlich und nachdenklich, frivol und erotisch.  Die kleinen Parodien auf Dr. No, Goldfinger und deren Gegenspieler Bond, die höchst sinnlichen Frauen kamen so spritzig herüber, so explosiv, so kraftvoll. Ich konnte komplett eintauchen in eine andere Welt. Hedi Mohr, die so elegant und scheinbar immer etwas schmollende und die etwas der Welt entrückte Za Za Nightingale sangen wunderbar, ausdrucksstark, traurig und schön, sehnsüchtig und verrucht.

Hedi Mohr, die verletzbare Schöne, mit dem so lieblichen Gesicht und den großen Augen. Sie trug zwischen den Auftritten und bei ihrem zweiten Einsatz als Barmädchen oder Garderobendame ein langes, schwarzes Kleid und ich musste sie einfach immer wieder ansehen. Sie zeigte uns ein Leben, das wir suchten: den Abstand zu Allem um uns herum, zeigte uns einen Weg in das Vergessen.

Immer wieder in der Show oder als Patronin hinter der Bar eine eher herbe, gereifte, elegante Dame im langen blauen Samtkleid. Der tiefe Ausschnitt, den sie immer wieder ungeduldig zusammenraffte ließ dann auch nie mehr als einen Streifen nackter Haut erahnen. Ich sollte sie nie lächeln sehen an diesem Abend. Sie war unnahbar, streng, wählte die wenigen Worte mit Bedacht. Um so kraftvoller ihr erotischer Tanz, den sie mit höchster akrobatischer Kunst jedoch sehr unterkühlt und darum umso begehrenswerter zeigte.

Nach dem Theaterprogramm verflüchtigte sich ein Großteil des Publikums, die kleinen Stühle und Bänke leerten sich und ein wenig Unruhe kam auf. Sylvia bat uns an die Bar, da unsere Plätze für die nachfolgende Nachtshow bereits verkauft waren. Hier war noch frei und so beobachteten wir bei unserem Gin Tonic das Aufräumen, Umbauen, Begrüßen der neu ankommenden Gäste, Verabschiedung der in die Nacht Eilenden. „Tut mir leid, ist immer ein wenig unruhig zwischen den Shows“, meinte Sylvia und blieb dann bei uns stehen, um uns mehr von der Kleinen Nachtrevue zu erzählen, von den ganzen vergangenen 20 Jahren, von Ihren Ideen für die Tänze und Gesänge, für die Kostüme und Bühnendekorationen. Die knallrote Korsage mit den grotesk verformten Brüsten der letzten Gesangsnummer der schönen Za Za Nightingale zum Beispiel, hatte sie aus dem Fundus der Komischen Oper. „Land des Lächelns“, wenn ich es richtig erinnere. Wir konnten uns einfach nicht vorstellen, dass Sylvia nach der Show jemals eines Ihrer eleganten oder frivolen Kleider ausziehen sollte. Sie lebte so sehr in dieser Welt und es schien uns, dass der schnöde Alltag für sie nur in dem bunten Glitzer unter Jeans und Pullover zu ertragen sei.

Sylvia präsentierte dann auch den Abschluss des Nachtprogramms. Das kleine rote Tuch lässt sie stets keck und verschmitzt in ihrer linken Hand verschwinden und findet es erneut an den verborgendsten Stellen ihres schönen, nackten Körpers. Ein letzter Gin Tonic, ein letzter Blick auf die Menschen dieses Abends, die nun entspannt an der Bar lehnen, mit den noch verbliebenen Gästen reden, der Rausch klingt langsam ab.

Verloren haben wir uns an jenem Abend in der schönen Welt von Burlesque und Erotik, von knallbunten Farben und rauschhafter Musik, von Gedanken an Nichtgedanken, sind im Gin Tonic ertrunken und haben das Ende der Welt gefunden. Doch unterm Strich hat es nicht gereicht. Weil das tägliche Leben jenseits von Unbekümmertheit und Vergessen unsere eigentliche Herausforderung ist?

Nachsatz

Ich hätte gern eigene Bilder gemacht von diesem Abend, von den farbenfrohen Kostümen und den Gesichtern. Es war, sicher zu Recht, verboten. Man muss also einmal selbst hingehen, in die Kleine Nachtrevue. Die „0815 Bond Burlesque“ läuft noch einmal an Neujahr und am 8. Januar 2016. Auch ich lass mich gern noch einmal einladen, zum Versinken in eine ganz eigene Welt.

Kleine Nachtrevue, Kurfürstenstraße 116, 10787 Berlin, www.kleine-nachtrevue.de