In Zeiten wie diesen: Ein Milchkaffe am Brandenburger Tor

Zuletzt wirklich länger verweilt habe ich am Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor im Jahr 2015, im nasskalten Januartrüb: Ich wollte einem befreundeten Journalisten einen Gefallen tun und ihm von der dort stattfindenden ProIsrael Demonstration berichten. Es war laut und voll und ich habe den politischen Willen dahinter nicht verstanden. Mit der laufenden Forderung nach neuen Bildern und Augenzeugenberichten im Nacken wurde mir immer unbehaglicher und das Gefühl, einfach nur wegzulaufen, übermannte mich schier. Jedoch, ich hielt durch, die Freundschaft jedoch nicht an. Seitdem habe ich diesen Platz gemieden, der Erinnerung und vor allem der vielen Touristen wegen, der Platz fühlte sich einfach zu fremd an.

Donnerstag, 23. April 2020 – Berlin gehört den Berlinern

Keine Touristen in der Stadt, kaum Geschäftsleute. Berlin gehört den Berlinern. Also den Berlinern und denen, die hier für eine Zeit wohnen. Die zu diesem Zustand führenden Umstände und schlimmen Auswirkungen ignorierend empfinde ich das als ein einzigartiges Experiment. Miteinander auskommen. Füreinander da sein. Zusammen reden. Die Stadt aus der Perspektive des hier Lebenden entdecken. Nicht den Dreck riechen müssen. Nicht nur Tauben gurren hören. Weite spüren. Um sechs Uhr am Morgen den orangefarbenen Mülltransporter unten auf der Straße verfluchen.  Einen Aperol Sprizz am provisorisch eingerichteten Fensterverkauf des LieblingsItalieners erwerben und in der Nachmittagssonne auf dem Straßenpoller sitzend genüsslich schlürfen.  Und Rad fahren auf den neu entstanden PopUp Radwegen in Kreuzberg und hoffen, dass diese die Zeit überdauern. Das ist Berlin gerade.

Wildes Radeln auf der Prachtstraße „Unter den Linden“

Aus dem Friedrichshain und von einem Spaziergang mit meiner Freundin Eva kommend radelte ich entspannt die noch immer baustellenschwere Promenade „Unter den Linden“ runter zum Brandenburger Tor, es war der schnellste Weg nach Hause. Am fast fertigen Bau des neuen – alten Stadtschlosses hatte ich mich in den Verkehr eingeordnet: Kein Warten und schnell zwischen zwei Autos einfädeln, nur wenige Wagen befahren den staubigen Asphalt, meist mit Berliner Nummernschild, gelegentlich eine Emmy oder ein privater Roller, ein 100ter Linienbus, ein Mannschaftswagen der Polizei. Mit meinem Radel reihe ich mich in ein buntes Völkchen aus ProfiSausern in sportlich engen Outfits (die sich meist mitten auf der immerzu grünstrahlenden Straße aufhalten) Müttern und ihren Radunerfahrenen Kindern (begleitet von permanenten Motivationsrufen und unerschrockener Nutzung der gesamten Spurbreite), SpazierRadlern (unbekümmert, unaufmerksam und in der Regel die Köpfe nach allen Richtungen drehend) und wenigen TäglichFahrern (zielstrebig, Lücken nutzend, Helm tragend). Der Bus der Linie 100 erspart sich hektisches Hupen und schlingert bedächtig mit im entspannten Radlerstrom, er hat Zeit und drin sitzen eh nur wenige Fahrgäste.

Ein Sonnenstuhl mit Blick auf das Brandenburger Tor

Der Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor ist fast menschenleer, keine marodierenden Touristen in heroischen Posen und mit Selfistick, keine Fahrradtaxis, keine Pferdekutschen. Nichts davon. Auf dem Pflaster vis-à-vis der steinernen Säulen hat sich ein junger Mann einen Sonnenstuhl aufgestellt und bräunt den nackten Oberkörper. Die Polizisten vor den beiden Mannschaftswagen stört es nicht, sie lehnen am Blau des Fahrzeugs und rauchen, reden, schauen entspannt über den Platz.

Ich habe Lust auf einen teuren Pappbecher von Starbucks, die mittlere Größe sollte meinen Kaffeedurst befriedigen. Keine Schlange vor dem Shop, ich betrete ihn durch den vorderen Eingang, muss meinen Namen nicht nennen, die jungen Frau, die das Geld entgegennimmt bereitet den Kaffee auch gleich zu. Ich verlasse den Shop durch Ausgang 2, vorbildlich und gewünscht in diesen Zeiten, packe den Becher in das geparkte Radel und steuere auf eine der freien grünen Bänke zu. Und dann sitze ich einfach da, in der Sonne und vollkommen entspannt, folgen meinen Blicken und lausche den sich entwickelnden Gedanken:

  • Auf der Bank neben mir ein Obdachloser, schlafend, seine Habe in großen Tüten um ihn verteilt, ein Sammelbecher mit Kleingeld darin davor. „In normalen Zeiten würde er hier nicht liegen dürfen, die Obdachlosigkeit dieser Stadt zeigt man nicht an so prominenten Orten“
  • Mir gegenüber ein Neubau, oben Wohnungen und Büros, unten der StarBucks, schmale Balkone mit wenig Grün. „Dort oben links in der Wohnung finden oft Filmdrehs statt. Die Protagonisten schauen dann immer aus dem Fenster hinunter auf den Pariser Platz mit dem Brandenburger Tor.“
  • Drei Spatzen belagern laut Zwitschernd mein Rad, wagen sich dicht an den halb geleerten Becher. „Na, gar kein Futter mehr für Euch?  Keine weggeworfenen Brötchen, Pommes oder Wurstzipfel? Und nun?“
  • Ein Flaschensammler leuchtet mit seiner Taschenlampe die Papierkörbe ab. „Was hat er denn da für ein Gestänge in der Hand?“ Er öffnet die Gullis, kniet sich davor und steckt den Kopf tief hinunter. „Wonach schaut er? Münzen vielleicht, die unwiederbringlich hineinrollten?“
  • Auf der Bank gegenüber zwei beleibte Frauen in praktischer Freizeitkleidung und Mundschutzmasken im Blumendesign, garantiert selbst genäht. „Nein, ich werde eine solche Maske nur tragen, wenn ich unbedingt muss, lieber meide ich die Orte, die mich dazu zwingen!“
  • Vor der Curry-Wolf-Bude zwei Berliner Bären in Rot und Blau. „Huch, es gibt auch andere als die bekannten Buddy Bears? Nice!“
  • Ein verliebtes Pärchen geht vorüber, sie ist herrlich elegant mit schwingendem, weitem Mantel und schwarzen Pumps und einem Mund, der dunkelrot aus dem blassen Gesicht strahlt. „Warum kleiden sich jetzt so viele Menschen so furchtbar praktisch, unterlassen das schminken und föhnen. Darf man sich nicht herausputzen in diesen Zeiten?“

Der Kaffee ist ausgetrunken, ich packe meinen grünen Samtmantel auf den Gepäckträger, es ist einfach zu warm. Das sonnengelbe Kleid flattert im Berliner Nachmittag, als ich durch das Brandenburger Tor radle, die Straße des 17. Juni entlang. Und hier rieche ich den Frühling. Warm und süßeschwer.