„Ich Dylan Ich“ – Eine Lesung im Literarischen Salon

Ein winzig kleines Kino, überall roter Samt, Kerzenlicht, Kinositze und weitere Stühle, wie erwartet der Lesetisch, Rosen in einer Vase auf dem abgedeckten Flügel. Und hier ein Literarischer Salon? Für ein erotisches Buch?

Ein Glas Weißweinschorle erbitte ich mir an der Bar, in der vorgelagerten Z-Bar. Der junge Mann ganz in schwarz schaut kritisch. „Du hast Recht, gib mir Weißwein pur, alles andere ist Frevel.“ In diesem Moment weiß ich noch nicht, das Wawerzinek seine Alkoholsucht in einem früheren Buch verarbeitet hat. Ich habe mich nicht vorbereitet auf diesen Abend, ich wollte einfach einen literarischen Salon erleben. Gesellschaftlicher Treffpunkt, für Lesungen und begleitende Gespräche, Diskussionen.

Vielleicht gab es das früher nicht, diese Hektik vor dem Beginn, die etwas störende Unpersönlichkeit: Britta Gansebohm als Veranstalterin, elegant in einer wirklich traumhafte roten Bluse, muss die Technik noch irgendwie checken, freie Plätze an Suchende verteilen. Sie hat leider keine Zeit für eine persönliche Begrüßung ihrer Gäste. Ist es nicht eigentlich auch das Wesen eines Salons, Menschen miteinander bekannt zu machen, die allein stehenden nicht einsam stehen zu lassen, den etwas schüchternen eine Hand zu reichen? Das alles passiert hier und heute nicht. Ich bin so ein wenig auf sich selbst gestellt, aber gut.

Ich suche also allein meinen Platz in Reihe 2, Kinosessel ganz außen, mein Name steht auf der Rücklehne, ich hatte mich angemeldet. Aus dem Holzgestühl lauschte ich dem Gespräch meiner Hintermänner und -frauen:  Architektur, der Freund der Freundin mit dem schwierigen Studium, was macht eigentlich Irene so ganz allein, ein bisschen Politik. Normale Gespräche also unter sich kennenden Personen. Soll ich mich einmischen in ein solches Gespräch? Das ist unhöflich, also lasse ich es. Die Reihen füllen sich, gut 50 Personen werden wir am Ende sein. Die Gäste bunt gemischt, das gesetztere Alter überwiegt. Nichts schaut nach Business aus, entspannte Gesichter, ein paar Freaks. Vor mir eine junge Frau mit einem dicken Notizbuch, sehr aufgeregt. Die Presse?

Eine halbe Stunde nach dem im Programm angekündigten Beginn begrüßt Frau Gänsebohm Autor und Gäste recht herzlich, spricht einige einleitende Worte zum heutigen Abend.

„Ich Dylan ich“ ist ein Zwiegespräch zwischen Peter Wawerzinek und seinem Bruder im Geiste, dem walisischen Schriftsteller Thomas Dylan. Ich kenne nur eines seiner Werke in der Verfilmung „Der Milchwald“, ein Buch von ihm habe ich jedoch nie gelesen.

Wawerzinek deklamiert seine zu Papier gebrachten Sätze, es ist amüsant und man glaubt ihm jeden seiner Gedanken. Er hat sich mit Maria Unterstützung geholt, sie rezitiert zwischen seiner Lesung Originaltexte aus den Büchern von Dylan in Originalsprache. Sie hat eine so berührende warme und weiche und etwas rauchige Stimme, dass es mir tatsächlich jedes Mal einen keinem Wohlseinsschauer über den Rücken jagt.

Britta Gansebohm hat am Ende noch Fragen an Wawerzinek, die die Hintergründe des Buches, seine Intension, Schwierigkeiten und Freuden beleuchten. Es sind gut gewählte Fragen, man erfährt Wesentliches. So weiß ich nun auch, dass das Wandeln auf den Wegen von Thomas Dylan zum Teil noch in den originalen Kulissen erfolgen konnte, dass Wawerzinek mit seiner Partnerin sich durch Verkleidungen einen anderen Zugang zum Schriftsteller geschaffen hat, dass aber auch nicht wahrheitsgemäße Nachstellungen die Vorstellungskraft beflügeln mussten. Und natürlich können die Gäste auch noch Fragen an den Autor stellen und der Eine oder Andere tut das auch. Und ja, Herr Wawerzinek ist nach dem offiziellen Ende weiterhin als Gesprächspartner da. Aber ganz ehrlich: es ist halb zwölf am Abend, ich habe gut 60 Minuten bis nach Hause und am kommenden Morgen muss ich um 7 Uhr aufstehen. So gerne, wie ich noch geredet hätte, ich kann es nicht mehr. Anderen wird es genauso gehen. Das ist keine Kritik an diesem Literarischen Salon, aber es ist doch irgendwie eine Kritik daran, dass er mir gar keine Zeit gab, mich intensiv mit den Dingen zu beschäftigen.

Mein Urteil: ja, es war ein interessanter Abend und das Buch ist in jedem Fall lesenswert. Aber es war dann wohl doch eher eine Lesung. Es war kein Salon, wie ich ihn mir vorstelle und gewünscht habe.

Der Literarische Salon, Verantwortlich: Britta Gansebohm, www.salonkultur.de