Gedankenspiele als Wahlhelfer bei der Europawahl

Freiwilliger Wahl-Helfer bei der Europawahl und in einem Wahl-Lokal meines Heimatbezirkes Charlottenburg ist meine Entscheidung für mehr politisches, auch soziales Engagement. Verändert hat es mein Leben nicht, es hat mir mehr Verständnis gegeben für Prozesse und Dimensionen und einen weiteren Blick auf meine Mitmenschen im Kiez erlaubt.

6:30 Uhr, Wahlsonntag, Europawahl

Mein Wecker klingelt pünktlich, nutzlos jedoch, ich war bereits wach. Die Kaffeemaschine habe ich am Abend zuvor programmiert, es bleibt der stumme Gang zur Dusche und der sich daran anschließende, demütige Blick in den Kleiderschrank. Ganz früher haben wir uns das FDJ Hemd angezogen, das war einfach. Heute schwanke ich zwischen lässig cool, bieder schicklich und business like, die Entscheidung fällt dann doch auf elegant höflich.

7 Uhr, die Wahlhelfer treffen sich

Eine Schule in Charlottenburg, drei Wahllokale. Begrüßung durch den Hausmeister und den Wahlleiter, wir nehmen das Lehrerzimmer und 2 Klassenräume in Beschlag. In meinem Team ein junger Mann, der einen sehr entspannten und wohl eher langweiligen Beamtenjob abliefert, ich nenne ihn mal Professor, seine Haare stehen etwas wirr vom Kopf ab . Eine Wahlurne fehlt und wird nach einen Telefonat des örtlichen Wahlleiters fast umgehend geliefert.

Der Professor – natürlich besteht er auf der Nennung des Titels – ist bereits seit Jahren dabei, die Haare stehen ihm etwas wirr, die zahlreichen und ohne erkennbare Zeichensetzung aus ihm hervorquellenden Sätze scheinen da schon lang auf Befreiung und Anlass gewartet zu haben. Der Student trägt lässig cool und ist auch so drauf, wir sind schnell beim „Du“ und locker flockigem Geplänkel. Ein graues Mäuschen trägt bieder schicklich, passend natürlich in Grautönen und verhuscht sich in demutsvollen Arbeiten. Die übrigen Freiwilligen verschwinden hinter der Randlosigkeit ihrer korrekten Erscheinungen, auffallend sind gefüllte Stullendosen und Wasserflaschen mit dem gewohnten Charlottenburger HalbBioAnstrich, teuer waren sie allemal.

Der erste Wähler kommt wenige Minuten nach 7 Uhr und muss warten. Was hat ihn eine Stunde vor dem Öffnen des Wahllokal zu uns getrieben? Einsamkeit? Unwissenheit bezüglich der Öffnungszeiten? Das Wissen um einen besonderen Tag im Jahreslauf, den muss man natürlich bereits vor dem Start beginnen, man könnte doch tatsächlich etwas verpassen.

8 Uhr, das Wahllokal öffnet

Es geht etwas schleppend in meinem Wahllokal, bis zur Meldung der Wahlbeteiligung um 12 Uhr an das Landeswahlamt waren 225 Wähler von 1500 da. Ich registriere 2 bekannte Schauspieler und einen sehr bekannten Fernsehmoderator, interessant, wer so alles in meinem Kiez wohnt. Und heute müssen sie alle raus aus den eigenen Wänden, sich zeigen und vor allem Stimme zeigen.

Zuerst kommen in der Hauptsache die Senioren und die Erstwähler, die Familien kommen verstärkt gegen 11 Uhr. Mama und Papa und Kind/er … das finde ich persönlich toll. Ich unterteile in Schnellwähler: die setzen sich hinter der Pappkabine nicht mal hin für das Kreuzestatement, in Uninformierte: die lesen die kunterbunte Palette an sich präsentierenden Vertretern erstmals in aller Gänze und in die Unentschlossenen: die setzen sich auch erst mal und entscheiden eben erst in diesem Moment oder lassen sich noch einmal innerlich bestätigen, was auch immer da so rauskommt, wirklich gut finde ich die letzten beiden eher nicht.

Die Arbeit des einzelnen Wahlhelfers ist überschaubar … der eine kreuzt den Namen des Wählenden auf der Wählerliste ab und ich frage mich, ob diese Zettel nach der Wahl vernichtet werden oder ob die Nichterschienenen und auch die Erschienenen in irgendeiner Form registriert und bei einer späteren Wahl mit den passenden Werbeslogans bedacht werden oder gar im Nachgang ermahnt und auf das Wahlrecht und die bürgerliche Verpflichtung hingeiwesen werden.

Ein weiterer Wahlhelfer vergibt die Wahlzettel, auch kein so schwieriger Job.

Ein dritter verdeckt mit einem Blatt den Schlitz auf der Wahlurne, wischt kurz zur Seite und gestattet dem Wähler den Einwurf, um den Schlitz sofort wieder zu bedecken. Der Sinn erschließt sich mir hier nicht, aus meiner Sicht reicht das Beäugen von Wähler mit Wahlzettel und Schlitz. Selbst wenn er einen Liebesbrief oder eine BVG Fahrkarte einwerfen würde, so käme diese ja nicht in die Auszählung. Egal, es ist eben einer der definierten Arbeiten.

Herr Professor betätigt sich recht gern als Abstreicher auf der Wählerlisten, er macht das ebenso wie Frau Maus sehr korrekt und mit viel Akribie, es hat bei Beiden etwas sehr bürokratisch Wichtiges. Frau Maus ist wesentlich schneller als Herr Professor, hat die Reihenfolgen der Listen genau im Kopf während es bei ihm immer nach einem riesengroßen Akt aussieht, dessen Erfolg eben durch die Bürokratie eher ungewiss erscheint.

13:00 Uhr, Wechsel der Wahlhelferteams

Pause bis zur Auszählung, ich nutze die Zeit für ein spätes Frühstück mit Freunden im Café Morgenlicht an der Schlossstraße. Natürlich geht es um die Wahl, mein Engagement, warum und wieso und überhaupt. Eigentlich bin ich sicher, welche Partei jeder einzelne meiner Freunde auserkoren hat, um Geschicke zu lenken oder einzuwirken oder eben nur um etwas anderes zu vermeiden, keiner von ihnen hat wirklich tiefen Glauben in seine Entscheidung, ich bin ganz sicher. Darüber reden, so ganz offen sich bekennen, das tut keiner, auch ich nicht. Zu unsicher die Zeiten, zu schwierig oft die Erklärung. Obwohl, wenn ich sagen würde, das meine Wahl eher das bessere Übel ist …. würde der eine oder andere zustimmen und ähnliches bestätigen? Wir gehen auseinander in der Erwartung, was der Abend bringt und in dem gleichen Wissen voneinander.

18:30 Uhr, 93 Zentimeter, 50 €

Man muss sich doch mal die Dimensionen vorstellen …. 93 cm misst der Stapel der auszuzählenden Stimmzettel, wegen der Menge der möglichen Optionen ist jeder einzelne mehrfach gefaltet. Die Europawahl Ergebnisse meines Wahllokals habe ich am Ende im Detail mit Ausnahme der für mich unvorstellbaren Stapelhöhe nicht mehr im Kopf, das Gesamtergebnis Berlin ist um so präsenter: Innerhalb der Stadt hat es die erwarteten farblich markanten Unterscheidungen von Grün, Schwarz, Lila und Rot und leider auch blau. Berlin markiert sich damit einmal wieder mehr als ein Außenseiter auf der Deutschlandkarte, die zu bewerten mache ich dann doch im Stillen.

Ach ja, 50 € Aufwandsentschädigung, kann sicher auch motivieren, dabei zu sein.