Gedanken zum Kunstgewerbe. Bei einer Austellungseröffnung im Kunstgewerbemuseum Berlin.

Drei Fragen und eine Erkenntnis.

Zu Beginn 4 Eröffnungsreden zur Ausstellung „Beautiful Mind. Ein Schmuckstück für Cranach“ im Kunstgewerbemuseum Berlin. Die Rede von Manon Bursian war inhaltlich so brillant wie in der Darbietung grausam schlecht. Sie sprach leise, schnell, ohne jegliche Emotion und ohne auch nur einmal die so aussagekräftigen Schwingungen einer Stimme zu bemühen. Ersten Rufen „Lauter!“ folgte Ratlosigkeit in den Gesichtern. Und dabei war die erdachte Geschichte so Zeit überspannend, fiktiv herausfordernd konstruiert. Sie ließ Lucas Cranach den Jüngeren in Persona zu den Kunstgewerbe-Schaffenden unserer Zeit kommen. Sie ließ ihn durch ihre Werkstätten streifen, lauschen und schauen und formulierte sein mögliches Denken und Fühlen gegenüber den Geschehnissen. Und schließlich kommt auch er zu der bekannten Klarheit, dass am Ende alles nur Veränderung und Neuinterpretation ist. Nichts ist wirklich neu. Es tut doch gut, wenn man immer wieder einmal darauf zurückgeholt wird. Auf die Ursprünge und deren Entwicklung.

Die Ausstellung führt es uns vor Augen. Techniken sind da und werden weiterentwickelt. Formen passen sich den aktuellen Idealen an. Die Präsentation der alten Objekte mit den modernen Werken lässt uns den Vergleich sehen. Und so staunen und begutachten wir zwischen den wahrhaft meisterlichen Werken der früheren Jahrhunderte und den 51 Schmuckstücken unterschiedlichster Materialien und Herstellungsmethoden hin und her. Manches irritiert uns, wie der Schmuck aus Plastikfolien. Vieles finden wir einfach nur wunderbar, wie das filigrane Collier aus Eisen in einer Erinnerung an den bekannten Berliner Eisenschmuck, nur heute mit einer weniger spektakulären historischen Bedeutung.

Aufmerksam und doch heimlich lauschte ich dem Gedankenaustausch der zahlreichen Bewunderer und Ausstellungsmacher. Was so positiv war. Der überwiegende Teil der Gäste kam wegen ebendieser Ausstellung. Nicht um sich zu zeigen, nicht um gesehen zu werden. Und es waren nicht eben wenige. Es tat gut das zu sehen. In einer Stadt wie Berlin.

Irgendwann spät in der Nacht endete eine lange Diskussion über Kunst und die Welt, hitzig entspannt geführt bei einem schönen Chardonnay, auf der Bank vor der Weinbar „Les Climats“ im nahen Schöneberg. Mit ungenügenden Antworten auf meine Fragen. Aber das ist in Ordnung so. Es gibt keine umfassende Antwort. Denn wie habe ich es heute so schön gesehen: alles ist Veränderung und Neuinterpretation.

Die Erkenntnis vorweg.

Ein zeitnaher Besuch des Kunstgewerbemuseum Berlin. In der DDR hatte das Kunstgewerbe – sicher aus der Not des Mangels heraus – oft hässliche Blüten getrieben. Ich erinnere die mit Wäscheklammern eingefassten Spiegel, schmutzig-gelbe Strohblumenbilder oder auch Frühstücksbrettchen, auf denen mit Rouladennadeln eingebrannte Fantasiemotive prangten. Dies ist natürlich nur ein Teil meiner Erinnerung. Die Wirklichkeit glänzte mit durchaus die Zeit überdauernden Dinge. Aber waren es wirklich viele? Wer mag, darf dieses Thema gern weiter ausführen, auch Bilder der in Euren Schränken überdauernden Produkte wären hier interessant.

Das Kunstgewerbemuseum Berlin nun hat mich allein durch seinen Bau fasziniert. Meine Freundin Eva übergab mir die Einladung zur Eröffnung mit den Worten „…neben der Philharmonie ist dann so ein offener Platz und da ist das Kulturforum und dann so ein ganz schlimm aussehendes Gebäude, das ist das Kunstgewerbemuseum.“  Berlin zeigt viel Architektur, die uns ratlos zurücklässt und zu recht hat ein jeder von uns seine ganz persönlichen Vorstellungen von schön und gut und praktisch. Doch ich mag Gebäude, die uns ihr Innenlebens so zeigen. Wie ein Mensch mit einer offenen Seele. Großzügig, weit, verwundbar.

Sehr liebevoll auch die Rede von Sabine Thümmler, der Direktorin des Museums. Da sieht man es mal wieder. Wo Herzblut und Begeisterung dabei sind, da entstehen Verlangen und unbändige Lust, Staunen und  Erkennen.

Drei Fragen bleiben. 

Frage 1: Wann werde ich einmal eine Veranstaltung erleben, in der kein Handy mitten in einen interessanten Vortrag hinein klingelt oder ein Elternteil mit einer sehr zweifelhaften Vorstellung von notwendiger Erziehungsarbeit anwesend ist?

Frage 2: Warum eigentlich ist Sachsen-Anhalt die Wiege der Kultur und unserer Nation? So zumindest die Behauptung des Ministerpräsidenten Reiner Hasseloff.

Frage 3: Kunstgewerbe ist die Herstellung von Gebrauchsgegenständen mit künstlerischem Anspruch. Wer von uns umgibt sich mit welchem Kunsthandwerk. Eine sensible Innenschau.

Drei mögliche Antworten.

Antwort 1: Es wird wohl eine Ausnahme bleiben, dass man den Auftritt eines anderen Menschen durch Anerkennung, Aufmerksamkeit und vor allem ohne Störung respektiert. Das man geht, wenn es einen nicht interessiert. Das man den anderen ausreden lässt. Die Dame im modisch türkisfarbenen Kleid räumte dann wenigstens peinlich berührt ihre ganze Handtasche zu meinen Füßen aus, bis sie den klingelnden Störenfried zur Ruhe brachte. Warum die Dame neben mir auf der Treppe diesen Vorgang mit ihrem Smartphone fotografierenderweise festhielt, weiß ich nicht. Sollte es die andere noch mehr beschämen? Hat sie das Foto dann später ihren Freundinnen gezeigt? „Schaut mal, die da ….  unmöglich …“. Nun ja, alles irgendwie beschämend.

Es wird hoffentlich keine Ausnahme sein, dass man auch seine Kinder zu ebensolcher Aufmerksamkeit erzieht. Diese bewusst trotzige Haltung mancher Eltern zu einem derart ungezügelten Auftreten ihrer Kinder zeigt doch ganz deutlich das Unvermögen zur Erziehung und die Faulheit, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen. Muss ich Angst haben um unsere Zukunft? Ich möchte es an dieser Stelle nicht vertiefen.

Antwort 2: Ja und Ja und Ja. Sachsen Anhalt ist die Wiege der deutschen Kultur und der deutschen Nation. Auch wenn es Gelächter in den Reihen gab. Auch ich musste mich dazu ausführlich belesen und fand: die Liste der Zeugen ist lang. Nein, es gibt da nicht nur Bauhaus und Cranach, oder Luther und Otto von Bismarck mit seinem Geburtsort im altmärkischen Schönhausen, die „Straße der Romanik“ und der von mir so gern gehörte Telemann.

Wir haben dann später beim Chardonnay doch noch diskutiert, ob man es so einseitig sehen kann und waren uns einig: Deutsche Kultur und Geschichte lässt sich nur gesamtdeutsch begreifen. Mit all den Errungenschaften in Preußen und Sachsen und im hohen Norden und tiefen Süden. Aber ich gestehe Ministerpräsident Hasseloff diese Aussage zu, denn die Ausstellung unter Federführung der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt ist bemerkenswert.

Antwort 3: Das ist aber mal eine Frage in die traute Runde! Welche kunsthandwerklichen Gebrauchsgegenstände habt ihr zu Hause? Und ab wann bezeichnet ihr diese als solche?

Ich habe diese Nabelschau bei mir selbst vollzogen und doch das eine oder andere gefunden. Da hätte ich das so klare und ausdrucksstarke Porzellan von Hering Berlin, vom den ich jeden Morgen mein Frühstück genieße. Porzellan mit Persönlichkeit hat es jemand genannt. Zu Recht, finde ich. Dann gibt es da noch die hölzernen Kerzenengel aus dem Erzgebirge. Die Drei finden immer einen präsentablen Platz, auch fern der Weihnachtszeit. Ja, auch die zähle ich hier dazu. Und ich habe noch diesen Korkenzieher „Anna“ von Alessi. Erstmals produziert 1994 und heute ein Kultobjekt.

Kunstgewerbemuseum Berlin, Matthäikirchplatz, 10785 Berlin

Sonderausstellung „Beautiful Mind. Ein Schmuckstück für Cranach“ vom 20.05.2016 – 28.08.2016