Entrückte Welten, Inselleuchten Marienwerder

„Ich hoffe, es geht Dir gut …“

Nachdenklich und mit einer so kleinen Hoffnung darin singt Jan Josef Liefers seine Worte über die sanft erleuchtete, wilde und winzige Insel an der Leesenbrücker Schleuse in Marienwerder. Es ist nur eine Autostunde bis Berlin und doch scheint jeder andere Ort an diesem Abend ganz weit weg. Hunderte Körper schwingen im Takt der Musik. Nicht träge, aber langsam, irgendwie zeitverzögert. Ein Ort, für diesen Moment der Zeit entrückt in dieser Sommernacht. Sie ist nicht lau, sie ist nicht klar: sie ist getragen von schönen und wie durch Watte klingender Stimmen. Sie ist getaucht in tausende Kerzen und Feuerschalen, sie spiegelt sich in den Seerosen tragenden Wassern. Und sie ist seltsam unwirklich. „Wir haben es nicht versucht …“

Und ich schaue in die Gesichter der Menschen neben mir. Es ist, als lässt dieser Ort die Gedanken frei und lesbar sein für jeden, der es will. Warum weint die Frau neben mir heimlich? Welch‘ Schmerz kommt hier bei mir an über Ungesagtes und Ungetanes. Und welches Glück da vorn in allen Umarmungen des Paares im doch geschmahten Partnerlook. Ungetrübte tiefe Freude und Zufriedenheit. Zweifel und Lebenslust, Kampf der Seelenkräfte und naive Kindlichkeit. Alles ist hier und alles so nah.

Jedes Lied und jeder Text von Liefers und seiner Band Radio Doria ist ein Lied zum genau hinhören. Selbst die heiteren Songs hinterlassen kleine Spuren im Kopf. Aus der Runde der älteren Damen und Herren an einem der dunkelrot ummantelten Tische vor mir erreichen mich die Worte „Also ich sag mal, als Schauspieler ist der Liefers besser. Das mit dem Singen kann er nicht so …“ Spricht‘s und hebt zufrieden das winzige Glas mit dem Rotwein an die Lippen. Nein, nein, nein, das finde ich nun nicht. Er mag vielleicht kein gnadenlos talentierter Sänger sein, aber welches Urteil steht mir hier zu? Er bringt mit eingängigen, manchmal ungewöhnlichen Harmonien getränkte Worte über das Ohr in den Bauch und dann in meinen Kopf. Mal kommt da ein schöner Swing herüber, mal steht da der Liedermacher und dann wieder ein kleiner Junge, der unbedingt zeigen möchte, was er kann. Irgendwann singen wie alle gemeinsam. Nicht mit der Euphorie eines der angetrunkenen Konzerte sondern mit einer gemeinsamen Vertrautheit. Offen und still die Herzen.

Feen und Elfen

Aus den Augenwinkeln heraus huschen sie immer wieder durch meine Beobachtungen, die Feen in aufbauschenden Gewändern und Blätterkränzen im Haar. Bei unserer Ankunft hatten sie noch mit sinnlichem Schwung riesige Seifenblasen durch das Schilf getrieben, jetzt leuchten sie, Lichtergirlanden schlingen sich um ihre Körper. Mit ihnen gemeinsam streifen riesenhafte Elfen durch das Fest, vorbei an den Ständen mit Bier und Wein und Fisch und Käse, durch die langen Sitzreihen, herum um die am Boden Lagernden, hindurch durch die geheimnisvoll erleuchteten Bäume und wild wachsenden Sträucher. Auch sie tragen weite, weiße und durchscheinende Gewänder, Licht überall an den silberglänzenden Körpern.

Immer wieder und überall Jongleure, Gaukler, Wolkendelfine sausen an mir vorbei, Feuerbälle in der Luft und zu Astor Piazzolas Libertango dreht sich in herrschender Gestik die wunderschöne Frau im roten Kleid und mit den streng zurückgekämmten Haaren um den, der sie so anbetet.

Irgendwann habe ich den Feen dann doch tief in die blumenbemalten Gesichter geschaut. Hinter all der Maske ein sehr erwachsener Charakter, der heute endlich wieder in eine eigene, heimlich geträumte Welt darf. Ein verklärter Blick und sehr getragene, hinauszögernde Bewegungen. Und keine Scheu, diese kleine Metamorphose für diese Stunden zu gestatten.

Mit bedächtigen Schritten kommt er mir in der lichten Dunkelheit entgegen, der ältere Mann mit der vom Leben gezeichneten Haut, mit langen Haaren, Lederweste und schwarzer Lederhose. Seine Begleitung beachtet er kaum, wie schon Stunden zuvor. Da saß er gekreuzten Beines im Gras und wiegte sich zur Musik, geschlossene Augen, in der einen Hand die Zigarette und in der anderen ein Glas Bier. Die Frau an seiner Seite sah ihn so sehnsuchtsvoll an, so hingebungsvoll, das weite Kleid und die langen Ketten um den alternden Körper drapiert. Er hat sie nicht beachtet. Auch jetzt nicht, er hat sie einfach vergessen oder sie ist schon so fest ein Teil von ihm, dass er ihn nicht mehr spürt. Doch in ihren Augen noch immer die Hoffnung auf eine neue Zeit.

„Wir werden uns wiedersehen…“

swingt Radio Doria in uns hinein. Ja, denke ich… „Und ich hoffe, es geht Dir gut!“

PS: Danke an Axel Prahl für diese gelebte Zeit. Es bringt mich gut in eine neue Woche. Und sogar an radioeins gibt es diesmal fast nichts auszusetzen. Naja, maximal die Situation mit den Toiletten… „Die Bumpe schaffts nich mehr und der Tank iss ooch schon halb voll … müssen wir halt zumachen …. “ sprach der Toilettenmann mit dem sorgfältig über die Glatze gekämmtem Resthaar und kassierte die nächsten 50 Cent.