Heiterer Einstein Salon mit Gerald Uhlig und Harald Martenstein

Sonntagmorgen in Berlin. Frühstückszeit. Zeit, an die traurigen und schmerzhaften vergangenen Tage zu denken und doch die schönen Stunden darin zu erinnern. Nun, da hätten wir das sehr amüsante, sommerfrische Gespräch zwischen dem Journalisten Harald Martenstein und dem wie immer hoch geschätzten Gerald Uhlig im Einstein Salon.

Zwei Menschen sitzen da vor uns mit einer extrem ausdrucksstarken Persönlichkeit, echtem Charisma. Es beschleicht mich wie immer ein wenig die Angst, der eine könne den anderen dem Raum streitig machen und der Inhalt geht zugunsten eines Positionskampfes unter. Doch nein, auch an diesem Abend gelingt ein ausgewogener Dialog, der sehr viel von dem Menschen Harald Martenstein preisgibt und dabei sein eigentliches Wirken nicht vernachlässigt.

Das Publikum ist gut durchmischt und man sieht das eine oder andere bekannte Gesicht. Ein dankbares Publikum, ein mitdenkendes, ein auffälliges jedoch auch. Extravagantes Aussehen neben eklatantem Verhalten. Meine Freundin Eva – erstmals im Einstein Salon – befand mit einem doch etwas empörten Ausruf „Ach Gott, das sind ja die gleichen Gesichter wie auf unseren Veranstaltungen in der Staatsbibliothek!“ Hmmm. Ich finde das nun eher weniger empörend als bezeichnend. Und nein, besonderes Aussehen stört mich nicht: es fällt eben auf, manchmal gefällt es, man kann sogar genüsslich darüber lästern. Sich selbst in Szene setzendes Verhalten hingegen finde ich unanständig. Ich frage mich: was denken die beiden Gesprächspartner da vorn, wenn eine der Damen sich wichtig aufplusternd zwischen ihren wohlgesprochenen Dialog hockt?

„Lassen Sie uns heute sprechen über Abschied, Zwänge, Freuden … also die ganze Klaviatur des menschlichen Lebens“ sagt Gerald Uhlig und es beginnt ein erstes Geplänkel, ein Abtasten der beiden schwerhörenden Männer. (Die Platzwahl war skurril umständlich, das Hörgerät lag immer in greifbarer Nähe und über die Verwechslung des Brückensyndroms von Herrn Martenstein mit dem Krückenerlebnis des Herrn Uhlig kann ich mich noch heute erheitern) Man spricht über Bärte und wir erfahren, dass Herr Martenstein doch gern den verwegenen DreiTageBart hätte, aber “ … da wächst nix, Herr Uhlig …“. Der von mir so geliebte Zappa Bart hingegen liegt ganz hinten in der Rangliste der Damen. Nun ja, man muss ja auch mal gegen den Mainstream schwimmen.

Immer wieder ein interessantes Thema ist Berlin. „Es gibt so viele Krisen, man kann nicht über alle schreiben.“ Reden über ein paar kann er aber schon: Die Unfähigkeit der Politik, der Behörden und Ämter. Die bevorstehenden Wahlen und die Möglichkeit, dass in den verwilderten Parks der Stadt doch womöglich Insekten leben, die im Rest der Republik womöglich bereits ausgestorben sind. „Man sollte die Stadt unter das Kommando der Blauhelme stellen“ sinniert Martenstein. Nie verspüre ich in seinen Worten jedoch Spott und Ironie, es scheint mir fast ein liebevoller Sarkasmus gepaart mit einem Stück Resignation. Das Leben in Berlin, in das man sich am Ende doch ganz gern eingepasst hat.

Manchmal weiß Herr Martenstein keine rechte Antwort auf die ihm gestellten Fragen, er ist vielleicht auch unentschlossen, was er seinem Gegenüber entgegensetzen möchte und kann. Doch diese Pausen stören das Gesamtbild in keinem Fall, sie machen das Gespräch noch authentischer. Im Gegensatz zu den weit ausholenden Gesten von Gerald Uhlig, zu seinen bühnenreifen Gesten und Sätzen sieht mein bei Harald Martenstein vor allem das Kreisen und Wirbeln seiner Gedanken. Ich schwöre, man kann sie sehen, die kleinen Stürme um ihn herum. Seine Augen schauen ihnen dabei stets aufblitzend und flink hinterher, ja sein ganzer Körper scheint in einer beständig nach vorn drängenden Bewegung.

Die hinter mir sitzende Dame teilte ihrer Nachbarin recht laut und sensationsheischend erregt ihre Gedanken über die späte Partnerschaft mit und es reizte mich sehr, ihr ein zuckersüßes Kompliment für die passende Wahl von Glitzerturnschuhen und schwarzem BaumwollWalleKleid samt RiesenGlasmurmelKette zu machen. Ach, ich wäre so überzeugend gut darin gewesen …

Doch die für mich wirklich lehrreiche Ausführung von Harald Martenstein fesselte meine Gedanken, hier der Versuch einer Zusammenfassung: Man muss auch über eigene Fehler schreiben, es ist unglaubwürdig, wenn man es nicht tut. Auf dem Hochsitz thronend nur Zensuren verteilen kann nicht die Aufgabe sein. Jeder Ansatz, dem Anderen zu suggerieren, man wisse mehr und hätte die perfekte Lösung, möge er, Herr Martenstein nicht. Ich werde es mir merken, für meine Arbeit!

Zu rasch verging diese Stunde, eine weitere dem Gespräch zu lauschen hätte großes Vergnügen bereitet.

Ich blieb mit meiner Freundin Eva noch auf einen Wein im Einstein sitzen, es war der letzte Salon in diesen Räumen. Aber es wird weitergehen, sagte Gerald Uhlig. Und so saßen wir und redeten über das soeben gehörte, über dies und das und ja, wir lästerten auch ein wenig über Kleider und Aussehen und über was Frauen eben sonst so gern sprechen.

PS: Gerald Uhlig sammelt am Ende seiner Salons Spenden für Kinder mit seltenen Krankheiten. Der herumgereichte Sektkübel war voll. Vielen Dank und den Kindern eine gute Zeit.

Es war der letzte Einstein Salon in diesen Räumen, die Fortsetzung des Einstein Salon wird einen anderen Ort haben.

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