Ein Engel werden.

Gut, ich gestehe es: ich gehe ungern auf Benefizveranstaltungen.  Ja, man bekommt fast immer eine tolle Leistung geboten, aber müsste man es bezahlen, so wäre man zu den meisten Events doch nicht wirklich gegangen. Ein „Nein, danke“ hingegen provoziert ungläubiges Kopfschütteln. Die vom Geladenen erwartete Gegenleistung ist oft eine etwas erzwungene. Ich gebe lieber aus eigenem Antrieb und engagiere mich für Dinge, die ich als wichtig empfinde.

Doch der Einladung von Ines Brüggemann, die das jährliche Benefizkonzert der Stiftung Gute Tat e.V. im Kammermusiksaal der Philharmonie seit Jahren erfolgreich und mit viel Liebe organisiert, folgte ich sehr gern. Einerseits mag ich das Konzept der Stiftung, das einen sehr detaillierten Überblick über die vielen, vor allem kleineren bestehenden Hilfsprojekte in Berlin gibt und so jedem ermöglicht, seinen gesellschaftlich notwendigen Beitrag nach eigenem Ermessen einzubringen. Und zudem versprach das Konzert wenige Tage vor dem Weihnachtsfest eine erlebenswerte Kombination hochkarätiger Musiker, bemerkenswerter Musikauswahl und unterhaltsam durch Holger Wemhoff (Klassik Radio) gestalteter Gespräche.

Mit den beiden Karten in der Hand warte ich im ausladenden Foyer auf die von mir eingeladene Freundin. Ich liebe diese Zeit vor einem Konzert, wenn man in den erhabenen Räumen noch ein wenig flanieren kann, den Mantel abgeben bei den ewig miteinander schwatzenden Garderobendamen, die anderen Gäste beobachten, den einen oder anderen Bekannten erspähen, ein paar Worte, ein kurzer Gruß. Später in den Saal gehen und zuschauen, wie sich die Ränge füllen. Welche Gespräche führen meine Nachbarn vor dem Konzert? Was passiert noch auf der Bühne? Der Geruch in Musiksälen ist immer etwas Besonderes, ein wenig trocken und staubig und irgendwie leblos. Speziell für den Kammermusiksaal erinnere ich noch etwas Holz und Beton und im Kopf Berliner Kühle. Mein Handyklingeln schreckt durch meine Betrachtungen. Sie kommt dann leider doch nicht! Keine Begründung, keine Entschuldigung. Viel Spaß noch. Ich bin sauer, megasauer. Es macht mich traurig, wenn ein anderer Mensch mein Tun und meine Zeit so respektlos behandelt. Ich gebe die besitzlos gewordene Karte am Einlass ab, vielleicht findet sich noch ein Genießer. Wenige Minuten bleiben, das Geschehen um mich herum tief aufzunehmen. Neben mir zwei ältere Damen, sie gehen wohl nicht sehr häufig in ein Konzert. Leise und aufgeregt reden die beiden über den ihnen unbekannten Ort, wundern sich über die skurrile Anordnung der Ränge rund um die sich in der Mitte befindlichen Bühne. Schräg vorn ein junges Paar, dass sich laut und ungeniert und abwechselnd in Deutsch und englisch über Gott und die Welt unterhält, sie hat die Beine unter sich gezogen, das Outfit eher rustikal salopp als dem Anlass angemessen. Auch wenn ich heute nur wenig Zeit für meine Beobachtungen habe, so registriere ich doch eines: es ist wie immer im Leben, alles begegnet uns wieder, sehr selten ist etwas ganz neu.

Im Saal wird es dunkler, ruhiger, die Einspieler „Bitte schalten Sie Ihre elektronischen Geräte“ verlöschen. Aus den Augenwinkeln sehe ich die junge Frau, die im allerletzten Moment neben mir Platz nimmt. Die Bühne füllt sich mit den Sängern des Staats- und Domchores und als die ersten vorweihnachtlichen Melodien so kraftvoll in die Stille fallen kann ich endlich eintauchen in die Welt der Musik. Es ist ein sehr abwechslungsreiches Konzert, das mich in vielen Details begeistert. Da sind Martin Stadtfelds Interpretationen am Klavier. Er spielt u.a. ein Stück von Mozart, komponiert im zarten Alter von nur 8 Jahren. Und man spürt sie so nah, die Langeweile und die Trübness, die sich durch einen dunklen Wintertag stehlen, die Einsamkeit des kleinen Wolfgang Amadeus. Zwei Reihen weiter vorn steht eine Frau auf und geht geräuschvoll und rasch. Mitten in das von Benjamin Appl so innbrünstig, klagend deklamierten „Leise flehen meine Lieder“. Ich bin wieder einmal erschüttert über die Rücksichtslosigkeit, mit der Menschen das Engagement und Bemühen anderer niedertrampeln, ihre Mitmenschen stören. Im anschließenden Gespräch spricht Appl mit Holger Wemhoff über seine musikalische Beziehung zu Brahms, über Gefühle, die so tief gehen, dass sie auch über Entfernungen und Jahre nicht verblassen. Und diese Verbundenheit spürt man in jedem seiner gesungenen Töne. Das „La Folia Barockorchester“ verführt mit einer Wildheit und lustvoller Kühnheit, mit mitreißender Leidenschaft. Leider erinnere ich nicht mehr den Namen des Stückes, aber ich dachte dabei an die so farbenfrohe Klangfülle des Sommers in Vivaldis „4 Jahreszeiten“.

In der Pause beobachtete ich die schüchterne junge Frau von meinem Nachbarplatz. Sie las eifrig im Programm, schaute unsicher auf die Menschen, die – solche Auftritte gewohnt und entsprechend selbstbewusst – sich an Brezeln und Prosecco labten, laut oder hinter vorgehaltener Hand ihre Gespräche führten. Die Menschen, denen wie ihr das Sein in einem solchen Umfeld doch ungewohnt war, sah sie nicht und suchte dort auch keinen Schutz. Wie ein ängstliches Vögelchen irrte sie durch die Menge und mir schien, sie beruhigte sich erst wieder bei den so schönen Tönen im zweiten Teil des Konzertes. Höhepunkt des Abends und auch so von Wemhoff angekündigt die Barocksopranistin Simone Kermes. Ohne Frage: ihre Stimme begeistert, das Pianissimo ist so leise, dass man den Atem anhalten muss, es zu vernehmen, die Aussagekraft der gesungen Lieder wird ins unendliche gesteigert. Und doch muss ich gestehen, dass ich den Auftritt nur mit geschlossenen Augen erleben konnte. Ihr puppenhaftes Aussehen, ihre bemühte Fröhlichkeit in den gesprochenen Sätzen und ihre freudvollen Tanzeinlagen haben mich irritiert, es passte nicht zusammen.

Am Ende begeisterter Applaus für alle Künstler, zu Recht. Musikalische Schätzchen, ausgewählte Persönlichkeiten, eine Organisation ohne Makel. Und doch wieder so viele Menschen, die während unserer Wertschätzung für die Künstler bereits zur Garderobe eilen. Wie unhöflich, welch Unsitte. Aber es ist kein Phänomen eines Benefizkonzertes, ich habe es zu oft beobachtet.

Noch auf meinem einsamen Heimweg fasse ich einen Entschluss: ich engagiere mich ehrenamtlich in der Initiative „Heute ein Engel“ der Stiftung Gute Tat e.V. Ich finde es wichtig, dass Menschen einen gebührenden Respekt gegenüber den Entscheidungen, Wünschen und Leistungen ihrer Mitmenschen wahren. Gerade in der sozialen Arbeit lässt sich solch Verhalten leben und auch vermitteln. Heute habe ich mich angemeldet.

Stiftung Gute-Tat
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