Bohème Sauvage: Die Verzweiflung im Gewand der Sündhaften

Verstörende Begegnung

Beunruhigt sitze ich an einem der kleinen, blanken, dicht gedrängten Tische im Kaffeehaus Grosz am Kurfürstendamm. Die Bohème Sauvage der vergangenen Nacht will mich einfach nicht in die heutige Zeit entlassen, geistert in mir herum. Das mittlerweile verwischte Make Up der letzten Stunden noch im Gesicht registriere ich beiläufig die Damen und Herren der Gesellschaft neben mir: sie nippen an ihren Kaffeetassen und führen angeregt belanglose Gespräche. Vor mir steht die geliebte Zitronentarte und eine heiße Schokolade, ich habe sie beide noch nicht angerührt. Denn dort, schräg gegenüber an dem kleinen Tisch im Halbrund, da sehe ich sie. Dora, die Frau mit dem gleichgültigen Blick aus den tief dunkel geschminkten Augen. Sehr langsam und wie abwesend hebt sie das halbvolle Glas und schaut mich an. Und einen Wimpernschlag lang sehe ich das Funkeln, das Aufleuchten ihrer Augen. „Du warst da, heute Nacht“ formen ihre noch immer blutrot überschminkten Lippen die lautlosen Worte „Ich habe Dich gesehen und ich habe Dich erkannt.“

Die vergangene Nacht.

Da war das Ballhaus in der Chausseestraße, in das Else Edelstahl zur Bohème Sauvage geladen hatte, eine Hommage an das Nachtleben der 20iger Jahre in Berlin. Bereits beim Eintreten sah ich den weißen Nebel, der kalt und um sich greifend durch den Raum zog. Es war, als wäre der letzte Rausch gerade erst vergangen und der alte Saal mit seinen hohen gewölbten Decken und der versteckten Galerie doch schon wieder bereit für das nächste lasterhafte Vergnügen. Mein sehr gerade geschnittenes, graues und glitzern besetztes Kleid (Original natürlich!) machte mich äußerlich vielleicht etwas unscheinbar, doch das empfand ich nicht als Makel. Zusammen mit diesem hatte ich auch gleich noch das Feuer in mir – wie damals nicht unüblich – mit einem auffallenden Kontrast von Blässe und rauchigem Schwarz hemmungslos übertüncht und übte mich im nichtssagenden Blick. Meine kupferroten Haare und die grellroten Lippen fielen da auch nicht mehr ins Gewicht. Um mich herum all die Neugierigen, die ewig Gestrigen, die Zeitreisenden, die mit dem Wusch nach dem Überflüssigen, dem Verruchten, dem Abenteuer, der Abwechslung. Sie alle waren da in Kleidern, die nur selten eine Verkleidung waren, fast immer ein Bekenntnis. Die wenigen, denen man die Maskerade ansah, die konnte ich gut ausblenden. Sie alle nahmen nach und nach den alten Saal ein, tauchten ein in diese andere Welt, mit Neugier, spielerischer Freude, der Sucht nach dem Vergessen. Nicht einmal der grobstämmige doch gutmütige Garderobenmann aus dem Berlin von heute konnte das befriedigende Gefühl vertreiben, für eine lange Nacht in einer geliebten Zeit angekommen zu sein. 

Ich fand Platz neben der Bühne, in Erwartung von „Le Pustra’s Kabarett der Namenlosen„.  Ein Glas Sekt in der Hand und die kleine schwarze Bügeltasche neben mir ließ ich Männer und Frauen vorbeitreiben, Glitzerschmuck und  Cut, untaillierte Damenspitze. Düfte und Gesprächsfetzen, im Hintergrund das kratzende Geräusch eines Grammophon. Und dann sah ich sie. Dahingesunken im Sessel vor der Bühne, ein bizarres Bild aus einer vergangenen Zeit. Diese Frau mit den tief dunkel geschminkten Augen und dem abwesenden Blick. Sie trug eines dieser Kleider, das ganz aus Tüll zu bestehen schien und den zarten Wesen, die es trugen, etwas irreales, verzaubertes verliehen. Über dem blonden wilden Haar ein breites Perlenband. Wenn sie mit einer ihrer so langsamen, entrückten Bewegungen die Position wechselte, sah man mehr von dieser zarten weißen Haut. Das hohe Glas neben ihr verlor schnell seinen perlenden Inhalt, die Zigaretten im Glas schwanden schnell. Sie hatte irgendwie etwas von einer Dora, dem Geschenk eines Gottes an das Leben. Stark versteckt vielleicht tief in sich drin, doch offen tragend nur die Verletzlichkeit und das Verlorene.

„Le Pustra’s Kabarett der Namenlosen“. Zu Beginn fand ich es noch erheiternd. Doch bald war die Tragik so greifbar, die Verzweiflung so spürbar. Le Pustra, mondän genug, den ganzen Raum zu füllen, präsentierte sie, die Namenlosen. Nicht in der originalen Form, indem er sie verhöhnt und der Lächerlichkeit preisgibt. An diesem Abend  zeigt er sie in all ihrer Verletzlichkeit, ihrer Normalität, ihrer zur Schau gestellten Nacktheit. Da war Miss Annabel Sings, mondän und puppengleich mit wohligen Rundungen,  ihre kleinen Brüste passten trotz dieser Fülligkeit perfekt zu ihr.  Katzengleich räkelte sie sich wahlweise auf dem Sessel oder dem großen Sofa auf der Bühne, den Schmollmund jedem zugewandt, der ihn sehen wollte. Da ist Lada Redstar, die sich nicht nur zum so unschuldig von Le Pustra deklamierten Lied „My Girl’s Pussycat“ ganz hemmungslos durch den Abend und die Namenlosen vögelt.

Charly Voodoo, der Schöne mit den so dunklen und traurigen Augen, zeigt eine Performance von unübertroffener Realität. Nicht abgelegt hat er seine Maske abgelegt, er hat sich eine solche übergezogen, hat einen tragischen Beau aus sich gemacht mit einem grausam rot verschmierten Mund. Hat sich gewunden und gefleht und die unsägliche  Wirklichkeit zur Show inszeniert. Und Le Pustra hat ihm in jedem Moment mit diesem traurig-tragisch, unbeholfen verzogenem Gesicht die nötigen Dinge gereicht. den Lippenstift, den Spiegel, das Messer. Diese unbeschreiblichen Gesten, indem der Blick der eigenen Bewegung folgt, ganz langsam, gezogen.

Ich schaue kurz zu Dora, die weiter so völlig entrückt auf ihrem Sessel dahindämmert. Irgendwann später wird sie ganz kopflos herumirren und den süßen Matrosen am Klavier belästigen und die nackt und breitbeinig hinter ihrem Cello sitzende Syren Joey verwirren. Bevor sie wieder langsam dahinsinkt, in ihren Sessel zu dem halbleeren Glas und den Zigaretten im Glas. Wenn ich nachher irgendwann hinausgehe in das morgendämmernde Berlin wird es nicht anders sein. Die Verzweiflung unserer Tage verbergen wir schonungslos indem wir sie in ein Gewand aus glitzernder und nackter Show kleiden. Und alle anderen klatschen brav.

Irgendwann dann auch Brecht, „The Moon of Alabama.“ „For if we don’t find the next whisky bar.  I tell you we must die“ Ja, wir alle müssen sterben, in dieser Nacht viele kleine und schöne Tode. Gut so, das passt, das will ich und bin auch bereit.

„Le Pustra’s Kabarett der Namenlosen“ stellt immer wieder lebende Bilder, immer wieder die Grausamkeit, die Verletzlichkeit, die Verzweiflung. Die witzigen Einlagen sind eigentlich keine. Und trotzdem bin ich nicht verzweifelt, nicht traurig. Empfinde die zu Recht laut und begeistert applaudierenden Gäste nicht falsch besetzt. Es ist die Realität, gestern wie heute. Hier und heute Abend ist eine wunderbar und grandiose Performance. Irgendwann verliebe ich mich in Bridge Markland, die zu Beginn des Abends neben meiner Dora sitzt und kokett mit der langen Perlenkette spielt. Sie hatte für mich etwas von Else Lasker-Schüler … “ …Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron …“ aber sie wollte doch die in die Jahre gekommene Anita Berber sein, Exzess pur, aber auch das gelang ihr.

Nach dem Kabarett geht das Fest nahtlos weiter, immer voller wird das kleine Ballhaus. Man tanzt Charleston, Jimmy, trinkt, raucht unterhält sich. Versendet hemmungslos die Blicke und erwidert  solche noch zügelloser. Ich streife unruhig durch die eng stehenden Gruppen, vorbei an den Tanzenden und suche Dora. Hat sie einen neuen Platz gewählt, an dem sie ihre Zerbrechlichkeit zur Schau stellen und ihre Sehnsucht versuchen kann zu stillen. Ob mit dem perlenden Inhalt ihres halbleeren Glases oder dem feinen weißen Pulver auf dem silbernen Tablett. Manchmal auch mit den gierigen Männern, die sie umkreisen. Ich fange ihren leeren Blick und nehme ihn irgendwann mit in den grauen Morgen, in den kommenden Tag.


Bis ich sie jetzt und hier wiedersehe, an dem kleinen Tisch im Kaffeehaus Grosz. Einen Wimpernschlag lang ihr begehrendes Funkeln. Nur einen Wimpernschlag lang. Dann hatten sich ihre Augen wieder mit den Lidern bedeckt.

 

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