„Die Jahre im Zoo“, Durs Grünbein, eine Autorenlesung

Ein Freund hatte mir das hochgelobte Buch und das Kennenlernen des preisgekrönten Autors empfohlen. Wie immer las ich es im Vorfeld nicht, ich wollte mich von Grünbein und seiner Auswahl der gelesenen Passagen einnehmen lassen, einstimmen auf den Buchgenuss. Doch es war eine schlimme Erfahrung und ich mochte das Buch mehrere Wochen nicht anfassen. Nein, ich mochte auch nicht über die Lesung selbst schreiben. Doch einfach nur ausblenden der nicht so schönen Momente ist ja auch keine Lösung.

Das Publikum und der Ort

Geladen hatte die Autorenbuchhandlung am Savignyplatz, in dem angeschlossenen Café fanden ca. 60 Hörer Platz, durchweg ein älteres und sehr belesen aussehendes Publikum. Ausnahmslos sah ich Rot- und Weißwein auf den Tischchen stehen und so reihte ich mich in diese Wahl ein. In unserem Rücken die großen Schaufenster, an denen beständig die heim- und wegströmenden Menschen vorbeistreiften. So mancher warf einen Blick hinein oder bleibt sogar kurz stehen, die an der Scheibe prangende Ankündigung lesend. Vorn der gewohnte kleine Tisch für den Autor. Ich sehe tatsächlich einige bekannte Gesichter, so den langjährigen Chefconcierge des berühmten Savoy in der Fasanenstraße. Habe ich ihn nicht auf einer solchen Veranstaltung erwartet? Aber es kommen keine Gespräche zwischen den Gästen zustande, viele sind allein hier. Oder sie reden einfach nur zögernd miteinander.

Zu Beginn und doch mit 20minütiger Verspätung die sehr emotionale Einführung der Buchhandlung. Man freue sich so sehr, das Durs Grünbein hier sei, zum zweiten Mal schon. Dann eine ausführliche Rede des Suhrkamp Verlages. Auch mit viel Lob für Autor und Buchhandlung.

Durs Grünbein ….

Auftritt des Autors, Durs Grünbein. Er liest aus seinem Buch. Nichts davon hatte auch nur annähernd mit dem Titel zu tun. „Ich erinnere mich an den Zoo meiner Kindheit, den Dresdner Zoo hinter dem Großen Garten“. Hatte ich nicht in den Ankündigungen zum Buch Sätze gelesen wie diesen? Warum gibt es solche Lesungen? Damit man den Autor kennenlernt? Ja, natürlich. Aber soll ein solcher Abend nicht auch Lust machen, genau dieses Buch lesen zu wollen? Grünbein erzählt von seinen Erinnerungen an Dresden und Hellerau. Kindheitsgedanken,  angereichert mit Erkenntnissen, die er jetzt, als Gereifter, unbedingt dazugeben möchte. Aber es klingt immer, als hätte er diese Zusammenhänge bereits in diesen frühen Jahren für sich entwickelt. Würde ich auch so schreiben? So bewertend und mit einer Reife, die ein Kind nie haben kann? Und immer wieder Kafka dazwischen. Ich bin immer wieder auf der Suche in meinen Erinnerungen. So viele Dinge scheinen nicht zu stimmen. Hat man in Dresden jemals Matrosen zu sehen bekommen? Und hat die Feuerwehr einen „kreiselnden roten Schein verbreitet“? Er war doch auch schon damals blau! Wenn man zeitgleich und in ähnlichen Verhältnissen aufwächst, irritiert solche Erzählung, stört und verletzt die eigene Erinnerung.  Aber man soll einen Autor nicht rügen ob dieser Dinge, es gibt eine dichterische Freiheit.

Die Lesung war sehr kurz, knapp über eine halbe Stunde, fast kürzer als die Einführungen. „Vielen Dank“, gut und Schluss. Ernüchternd. Keine Interaktion mit dem Publikum, keine Fragen, nichts. Wir klatschten höflich, standen auf und gingen. Ein oder zwei Gäste sah ich noch zum Autor gehen und wenige Worte wechseln, vielleicht wollten sie auch nur ein Autogramm.

Ein Lob

Eines doch zum Lobe: es ist eine sehr ansprechende Buchhandlung. Eine tolle Auswahl. Dazu die Möglichkeit, sein Erstandenes gleich in dem kleinen Café nebenan zu lesen oder ein signiertes Exemplar zu kaufen. Die fachkundigen Buchhändler und die Gespräche zwischen ihnen und den Kunden haben mich nicht erst an diesem Abend zu einem heimlichen Zuhörer werden lassen. Ich werde in jedem Fall wiederkommen, in diese so anheimelnd wortschwangere Atmosphäre unter den gewölbten Decken mit der ratternden S-Bahn darüber.

Nachsatz

Und ich habe das Buch bis zum letzten Wort gelesen, einige Passagen auch mehrfach. Sehr gewählte und auch schöne Worte und Sätze. Doch sie überzeugen mich nicht in Inhalten und Vergleichen. Aber wie gesagt. Man kritisiert so etwas nicht.

Autorenbuchhandlung, Else-Ury-Bogen 599-600, 10623 Berlin, www.autorenbuchhandlung.de