Das neue Leben der City West

Es klang so verführerisch und ich schenkte den großdenkenden Worten Glauben, damals 2012 und auch im Jahr danach noch. „Das dritte Leben der City West!“ Wie wurde sie gepriesen, die riesige Baustelle rund um die Gedächtniskirche. Glanzvoll und noch schicker sollte es werden. Die alte Mitte Berlins wirkte zu dieser Zeit leicht verlebt. Sie hatte sich zugemöhlt, hatte oft nur geflickt statt repariert und die zu einem Dauerzustand verkommenen Kompromisse selbstbewusst vor sich hergetragen. Doch blieb sie noch immer die elegante Dame, die auch im hohen Alter das Schneiderkostüm ihrer Jugend freizügig über den ausgeprägten Falten trägt. Jener Dame, die ihren Kaffee aus einer Porzellantasse mit Henkel trinkt und deren einziger Kompromiss der breitere Absatz am Schuh und ein sorgsam um den Hals geschlungenes Tuch ist. Vielleicht noch die Haare, die sind nun elegant gekürzt, aus praktischen Gründen.

An jenem Sommerabend im Jahr 2015 verlor ich all meinen noch aufrecht erhaltenen Glauben. Auf der Dachterrasse des Waldorf Astoria Berlin. Dort hörte ich sie miteinander reden, die Investoren. Sie hatten die Abrissbirnen gerufen, die genau gegenüber mit dem Beate Uhse Haus eines der Wahrzeichen der City West abreißen liessen. Die Investoren, die Steine in den Herzen und Zahlen in den Köpfen hatten.

Das große Bauen beginnt: Zoofenster, Bikinihaus und Zoopalast

Januar 2012. Für mich beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Ich bin stolz: Ich bin die persönliche Assistentin des General Managers im Waldorf Astoria Berlin. Die Eröffnung des Hauses war für den kommenden Mai geplant. Ich hatte wenig Ahnung vom Bau, doch offerierten mir unsere Baustellenbesuche einen Rohbau und ich konnte mir nicht vorstellen, dass es klappen würde. Tat es auch nicht. Und doch zogen wir im Sommer mit unserem Eröffnungsteam in das immer noch unfertige Hochhausgebäude „Zoofenster“ ein, es sollte neben dem Waldorf Astoria auch Heimat für hochwertige Büros und Geschäfte werden.

Am Bahnhof Zoo befindet sich zu dieser Zeit eine der größten Baustellen Europas. Wie auf einer dreieckigen Insel sitzt das 31 Stockwerke hohe Zoofenster, umrahmt von der Hardenbergstraße, der Joachimsthaler Straße und der Kantstraße. Auf der Seite Hardenbergstraße wird der Zooplaast restauriert, alles soll an das 1956/57 erbaute Original erinnern. Gleich daneben das Bikinihaus, ein in die Jahre gekommenes Industrie-, Geschäfts- und Bürogebäude. Erbaut im gleichen Zeitraum wie der Zoopalast und als „Zentrum am Zoo 1956–1957 mit Gegenwertsmitteln der Vereinigten Staaten von Amerika für die Berliner Bekleidungsindustrie errichtet“. An der Kantstraße gegenüber des Zoofenster beginnt der Abriss des dort stehenden Geschäftshauses, hier entsteht nur wenige Monate später ein ebenso hohes Hotel- und Bürogebäude. Wenn man auf der Kantstraße stehend irgendwann zwischen den beiden Riesen hindurchschaut, dann schaut man durch das neue Eingangstor der neuen City West genau auf die Gedächtniskirche, die doch einmal das höchste Gebäude an diesem Platz war. „Verzwergung“ in der City West wetterten einige Journalisten nach Vorstellung der Pläne. Der Abriss des Beate Uhse Hauses ist zu diesem Zeitpunkt schon beschlossen, bereits in der Renovierung befindet das sich seit Jahren hinter einer Plane befindliche Amerikahaus. Hier wird die bekannte Fotogalerie CO Berlin einziehen. Zahlreiche Geschäftshäuser am nahen KuDamm erfahren in dieser Zeit eine elegante Aufmöbelung und man diskutiert über eine Neugestaltung des Busbahnhofs am Bahnhof Zoo, hier gibt es jedoch bis heute keine Lösung.

Geschichten erzählen vom Alten Berlin

Zu meinen schönsten Aufgaben im Waldorf Astoria gehörte die Betreuung der Journalisten. Wir waren so stolz auf das Kommende. Wir hatten etwas zu erzählen, denn die Architekten hatten sich Gedanken gemacht. Jeder Ort im Haus, jedes Möbelstück hatte eine Geschichte, die es mit der Stadt Berlin, mit der Tradition des alten Hauses oder mit einem besonderen Design verband. Die kleine Wendeltreppe zur Lang Bar zum Beispiel mit dem schwarzen Geländer und den goldenen Knöpfen. Ein Notenblatt in Erinnerung an die Musikstadt Berlin. Wie viele haben versucht das Musikstück zu erkennen, das sich darin verbarg. In der Lang Bar selbst unendlich viele Details, die sofort auf den wohl berühmtesten Film verwiesen: Metropolis. Der Film wurde 1927 genau gegenüber uraufgeführt, damals hieß das Kino noch „Palasttheater am Zoo“ mit eigenem Orchester, Ballett und Kinorgel.

Die schönste unter all den kleinen Anekdoten ist die vom Romanischen Café, in den 20er Jahren eine Institution für Autoren, bekannte und ganz unbekannte. In den Regalen des neu entstandenen Cafés in der vorderen Gebäudespitze Bücher über Bücher über Berlin, seine Geschichte, seine Künstler, Gelehrten, Schatten- und Sonnenseiten. Ein Deckengemälde erinnert an die Menschen aus der damaligen Zeit, etwas linkisch gemalt vielleicht, für mich doch ein Sinnbild für eben jene Jahre. Im Café selbst genieße ich oft mit meinen Gästen himmlische Törtchen der hauseigenen Konditorei, Kaffee der Berliner Traditionsrösterei Andraschko oder die speziell für das Romanische Café kreierte Teemischung „Berlin Spirit“. Im Jahr der Eröffnung haben wir einen Literaturwettbewerb initiiert, 10 Künstler sollten über einen Zeitraum eine Geschichte schreiben, die heute an diesem Ort geschieht, etwas Zeithistorisches also. Ich fand die Idee genial und hätte sie gern Jahr für Jahr fortgesetzt, doch bereits nach dem ersten Erfolg wurde es eingestellt, aus Kostengründen, wie es hieß. Auch der Name wurde nicht behalten, der neue Direktor nannte es nun „Roca“, die Bücherregale wurden mit Verkaufsregalen ersetzt und die Geschichte einfach gelöscht.

Jedem, den ich durch unser Haus führte, erzählte ich mit Begeisterung diese Geschichten. Wenn ich mit Ihnen aus der 31. Etage über die Stadt schaute, dann wies ich stets auf die Baustellen um uns herum und erzählte von den Plänen, die hier gerade ihre Umsetzung erfuhren. Es war eine Euphorie! Und wen die Damen und Herren ihre Stative aufbauten um einen der für Berlin eher ungewöhnlichen Bilder von einem so hohen Punkt aus zu machen, dann stand ich an eines der bodentiefen Fenster gelehnt und beobachtete die Kräne auf der Baustelle des Bikini Berlin oder des Zoopalastes. Ich stand weit über ihnen, die Menschen da unten waren kaum zu erkennen.

Ich fürchte, keiner dort im Haus kann diese Geschichten heute noch erzählen oder gar leben. Es ist so unglaublich schade, geht doch damit irgendwann die großartige Idee hinter dem ganzen verloren und das Haus verkommt zu etwas Gewöhnlichem. Aber vielleicht war es so gewollt oder es musste so kommen. Dem Anfang wohnt doch immer ein gewisser Zauber inne und wenn man diesen nicht behutsam hegt, dann verfliegt er. Das Waldorf Astoria Berlin hat sich für einen anderen Weg entschieden: einen ungefährlichen, einen langweiligen Weg. Aber vielleicht ist das auch nur meine Sicht, die ich im Kopf habe, wie er hätte aussehen können.

Die alte Dame wirkt vergewaltigt

Der Umbau des Zoopalastes ist meisterhaft gelungen. Seine ursprüngliche Architektur blieb erhalten und die Anforderungen an ein modernes Kino erfüllt er überragend. Ich wage die Behauptung, dass ein solches nur gelingt, wenn ein erfahrener und cineastisch begeisterter Investor Hand anlegt.

Und auch die Neugestaltung des Bikini Berlin begeistert mich. Endlich mal kein Einkaufstempel, der die bekannten Marken bereithält. Es ist dem Haus zu wünschen, dass es durchhält, bislang habe ich keinen Kompromiss entdeckt, freue mich in jedem Jahr über die immer gleiche, weißfröhliche Weihnachtsdekoration mit den riesigen Bäumen und Hirschen.

Ablenken können diese Highlights jedoch nicht von den nachfolgenden großen Bausünden. An Stelle des abgerissenen Beate-Uhse Hauses mit seinen angrenzenden Gebäuden entsteht ein Gebäudekomplex ohne Gesicht, hier ziehen später Primark und andere unattraktive Marken ein. Der lange Jahre unter bunten Planen sich präsentierende und scheinbar zu jeder Tageszeit geöffnete Blumenstand weicht in einen Erdgeschoss Laden im Waldorf Astoria aus, von Anfang an passt er da optisch einfach nicht hin, wenige Monate später ist er verschwunden.

Ebenso schlimm ist die neue Nutzung des Café Kranzler, nur die rot-weiß gestreiften Markisen erinnern noch an die würdevollen Zeiten. Die Kaffeerösterei „The Barn“ radierte die ganze Eleganz aus dem Café, ersetzte diese durch schlichte Holztische und ungemütliche Hocke, ohne Dekoration, ohne Liebe. Der so geschätzte, individuell Berlinherzliche Service wurde ersetzt durch Selfservice mit Teasern, die Brummen, wenn man sein Essen vom Tresen holen kann.

Der Bahnhof Zoo ist trotz der teilweise erfolgten Sanierung schmutzig und schmuddelig, unter der Brücke, vor- und hinter dem Bahnhofsgebäude in der größten der Berliner Missionen offenbart sich mit der Obdachlosigkeit eines der großen Probleme der Stadt. Das noch unberührte Filetstück ist der große Baugrund hinter dem Bahnhof Zoo, lange plante man hier den Platz für das große Riesenrad und ließ die Pläne doch wieder fallen, es hätte nicht ins gewünscht mondäne Viertel gepasst.

Die alte Dame ist antriebslos geworden, das Halstuch hängt schief und der Rock scheint verschoben. Der Lippenstift verwischt und die Gedanken oft nicht mehr sortiert. Manchmal sehe ich sie noch dahinschlurfen über die schmutzigen Steine am Bahnhof Zoo, meist gramgebeugt, aufrecht stehen geht nicht mehr.