Burgtheater / Innenleben. Jim Rakete. Berliner Gesellschaft.

Seit ich nicht mehr in den schönen Luxushotels arbeite, lese ich eher selten die bunte Presse und nur gelegentlich ist Zeit für die letzte Seite der Berliner Morgenpost. Doch hätte es mir am heutigen Abend bei der Zuordnung der Namen und Personen in jedem Fall geholfen. Und es ist ein fürwahr sehenswertes Schauspiel, dass der eine oder andere Gast hier und heute vorträgt. Da drängen sich schöne Gesichter und auffällige Kleider vor die Kamera, im hellen Lichte posiert es sich gut. Manche der Gesten übertreiben doch haltlos, manches Lachen ist extrem überspitzt, Worte oft zu laut. Doch es gibt für uns alle einen berechtigten Grund, hier zu sein: 72 beeindruckende Gesichter und Körper halten unseren Blicken stand, festgehalten in digitaler Schwarz-Weiß Digitalfotografie und ordentlich aufgereiht an der weißen Wand.

Doch zu den Fakten. Eingeladen hat die Einstein-Galerie zur 80. Ausstellung. Gezeigt werden Porträts der Schauspieler des Wiener Burgtheaters. Fotograf Jim Rakete.  Die Porträts entstanden vor eineinhalb Jahren in einem sehr kurzen Zeitraum. „Gallonen voll Kaffee“ habe er getrunken, erzählt Jim Rakete später am Abend. Wenig szenisches Zubehör ist auf den Fotos zu sehen. Manchmal ein Stuhl, ein Tuch auch. Sonst nichts. Nur die Positur des Einzeln, sie gibt den Bildern die aussagekräftige Macht. Die Haltung eines Schauspielers ist die Haltung, die er zu seiner Position einnimmt. Sagt Jim Rakete. Und man kann es sehen. Während einer sehr forsch, offensiv posiert und fast in die Kamera hereinsteigt, versteckt sich eine andere hinter ihren Händen. Der nächste spielt ganz verliebt mit dem Fotografen und ein weiterer nutzt die Deckung des Tuches. Der Stuhl wird ein Hilfsmittel der eigenen Aussage. Offenes Lachen und unsichere Augen. Doch keiner kann sich verstecken oder schummeln, Jim Rakete fordert die Ehrlichkeit seiner Objekte und bekommt sie auch.

Ich bin ein wenig früher da, so kann ich jedes der Bilder in Ruhe betrachten. Der lange Gang unter dem aufragenden Treppenhaus füllt sich schnell. Mit meinem Glas Weißwein bleibe ich immer wieder bei den kleinen Grüppchen stehen, um ihren Gesprächen zu lauschen. Das ist bei diesem Gedränge nicht schwer, man bleibt förmlich stecken in den unvermittelt aufragenden kleinen Menschentrauben. In den aufgefangenen Gesprächsfetzen geht es selten um die Ausstellung. Es geht um privates, geschäftliches, man erzählt von seinen Erfolgen, seinen letzten Events. Ich muss es gestehen, ich bin gern allein unterwegs auf solchen Veranstaltungen und versuche, die unvermeidbaren Satzwechsel mit Bekannten kurz zu halten. Das heimliche Belauschen, das Beobachten ist einfach zu interessant. Nur so kann ich mit einem unbeeinflussten Blick auf das Geschehen schreiben.

Mit Verspätung eröffnet Gerald Uhlig die Ausstellung. Und es ist still. Die beide letzten Schwatzer werden rigoros mit einem „Pschhhhh…“ ermahnt. Keiner spricht. Alle hören.  Extrem ungewöhnlich für Berliner Events. Doch ehrlich, wer nicht atemlos den Worten von Gerald Uhlig verfällt … ich kenne keinen. Man liebt sie oder man ist fassungslos. Leider spricht er nur kurz und eher in Fakten, doch stark und kraftvoll wie immer. Dieter Kosslik will auch seine Sätze bringen, da muss Platz sein. Der Künstler selbst findet auch Worte. Eine leise, zurückhaltende Stimme. Doch seine wenigen Worte zeichnen uns das Bild seiner Arbeit genau. Fotos werden gemacht, gelacht, geklatscht, das Übliche.

Und dann finde ich sie noch, die Liebhaber der Fotografie. Sie diskutieren über Bildtiefe und szenische Mittel, über die Art der Hängung an dieser Wand. Ihre Worte sind hitzig und tief, nachdenklich und bewundernd. An diesem Punkt möchte auch ich eine kleine Kritik bringen, ein Umstand, der mir nicht das erste Mal auffällt: die nicht unattraktiven Stehlampen in der Mitte des Ganges neben den Kästen mit dem vielen Grün blenden immer wieder in die Bilder und stören so ein wenig die Betrachtung, aber es ist wohl nicht änderbar.

Ich stehle mich aus dem noch immer vollen Raum, werfe einen schnellen Blick auf den Büchertisch des „Bücherbogen“ vom Savignyplatz, natürlich alles Werke über den Künstler. Ein letztes Glas im Café Einstein nebenan, in dem das Abendgeschäft begonnen hat. Aus den Augenwinkeln immer wieder mein Blick durch die hohen Scheiben in die angrenzende Galerie. Die Menschen an den Nachbartischen scheint die Veranstaltung nicht zu interessieren, sie scheinen gefangen in ihren kleinen Welten. Aber vielleicht tun sie auch nur so. Ja, eigentlich bin ich bin sicher, sie warten auf den richtigen Moment, ihr Stück vom Kuchen zu beanspruchen.

Galerie im Café Einstein Unter den Linden, Unter den Linden 42, 10117 Berlin

Ausstellungsdauer bis 6. März 2016, täglich von 8 Uhr bis 22 Uhr