Berlin – Ostrov. In mir eine Veränderung.

Es war mal wieder an der Zeit, Berlin den Rücken zu kehren und die Stadt mit ihrem Herbstgrau und den sich ausbreitenden lauten Touristenströmen allein zu lassen. Die Geisterbahn fahrenden Gedanken nahmen auch gerade etwas überhand, so ließ ich auch sie daheim. Ich entschloss mich zu einer Reise an einen schönen Ort und in passender Begleitung, wollte  den Kopf frei bekommen und mich einfach amüsieren.

Doch noch vor Beginn der Reise signalisierte mein Bauch ganz leise den gewaltigen Irrtum. Machte mir klar, dass ich nicht einfach weggehen und unverändert wiederkommen werde.

Ankunft in Ostrov.

Das Ziel habe ich mir nicht ausgesucht, ich habe mich mitnehmen und verführen lassen. Und so fuhren wir nach Ostrov, einem kleinen Ort in der Böhmischen Schweiz, gelegen im Bielatal und umgeben von stolz aufragenden Felsenformationen und herbstbunten Wäldern. Eine einzige Straße führt dort hin, nach Ostrov, dessen Übersetzung völlig zu Recht Eiland bedeutet. Viele Einwohner gibt es nicht, diese jedoch in jeglicher Hinsicht einzigartig, wie ich später noch erfahre. Mit ihnen leben die Neuen aus den umliegenden Großstädten. Sie haben sich eines der alten, windschiefen, sehr ursprünglichen Häuser als temporäres Domizil genommen. Sie fallen kaum auf, denn sie haben den Ort nicht verändert, haben sich einfach nur eingefügt.

Wir müssen langsam fahren, die Straße ist recht schmal, es gibt viele Kurven, steile Anstiege wechseln rasch mit jähen Abfahrten.  Es regnet, es ist nebelig, es ist fremd. Meine Tankanzeige geht gegen Null und die letzte Tankstelle liegt Kilometer zurück. In solchen Momenten fühle ich mich immer wie ein mastloses Schiff in einem aufgewühlten Ozean. Der Moment des Ankommens in Pod Cisarem jedoch ist schön, vertraut irgendwie. Das alte Gasthaus empfängt uns mit einem wärmenden Feuer, mit eng aneinandergedrängt sitzenden und miteinander im Gespräch vertieften Menschen, mit der üblichen Unordnung tschechischer Gasthäuser, mit aufmerksamen Blicken für mich und einem beruhigenden Arm um mich herum. Auf der Wiese hinter dem Gasthaus kann ich hoch oben die dunkelstillen Wälder ahnen und die Kälte der Steine spüren. Ich rieche den Nebel, die Nässe und den Rauch vom Lagerfeuer des angrenzenden Parkplatzes. Männer und Frauen in der typischen Outdoorkleidung stehen um die Wärme, reden über den vergangenen Tag, planen die vor ihnen liegenden Wanderungen und Bergtouren.

Erste Irritationen.

Ich lasse mich ein auf ein schönes langes Gespräch, auf Bier und Becherovka. Mein Bauchgefühl irritiert mich trotzdem und ein weiterer Moment der Verwunderung trifft mich:  Im Raum sind zwei große Hunde. Sie laufen frei und ungehemmt zwischen den Bänken und Menschen Tischen. Ich kraule sanft die aufmerksamen Ohren, lasse sie neben mir ausruhen. In Berlin würde ich nicht einmal den vertrauten Hund eines guten Freundes auch nur vorsichtig berühren. Später kommen kurze Stunden des Schlafes in einem Bett, dass wie eine warme Insel in einem eiskalten und unpersönlichen Raum steht.

Der kommende Morgen …

… trifft mich entspannt, neugierig und hungrig. Ich bekomme ein Frühstück im Gastraum vor dem schönen Feuer, ich bekomme Kaffee und Aufmerksamkeit, ich sehe erste Gäste aufbrechen zum Klettern, Wandern, alle in ihrer praktischen Kleidung, alle gut organisiert.  Menschen kommen herein, bestellen Knoblauchsuppe und Bier und das unaufgeregte Treiben gibt mir eine schöne Ruhe und signalisiert „Alles in Ordnung, es ist alles gut.“ Wir sind im Gegensatz zu den zeitoptimierten und durchorganisierten Wanderern eher der etwas verträumtere Part und bis wir unseren Weg hinüber nach Tisa starten ist es bereits früher Nachmittag.

Der Weg nach Tisa.

Wir steigen hinauf in den Berg, die Wege sind feucht und rutschig, gut beschildert und doch sehr ursprünglich. Sie haben schon so unzählig viele Füße auf über ihre Steine und Wurzeln gehen gespürt, doch man sieht es ihnen nicht an. Sie zeigen still und geduldig und immerfort einen gangbaren Weg und ein fernes Ziel. Warum mir diese Gedanken gerade jetzt in diesem Moment kommen, keine Ahnung. Helles Moos wächst auf den großen Felsbrocken, die wie achtlos dahingeworfenes Spielzeug eines launischen Riesenkindes verstreut liegen. Kleine Wasserläufe bahnen sich den Weg zwischen Heidelbeeren und Birkenstämmen. Die Birken gehören nicht hierher, erfahre ich, sie haben sich einfach angesiedelt und wild ausgebreitet.

Ich bekomme nebenbei eine kleine, intensive Unterrichtsstunde und speichere in meinem Kopf jede Menge Wissen über das gute Fotografieren mit einem Handy und noch schönere Bilder für meine Geschichten. Ich weiß um meine Eigenart, mir angetragenes Wissen erst einmal stumm aufzunehmen, in mir zu versenken, später allein auszuprobieren und dann bei Erfolg zu adaptieren. Normalerweise weise ich meine Gegenüber darauf hin. Doch in diesem Moment vertraue ich darauf, dass mein Verhalten den anderen nicht irritiert.

Ganz leise beginnt die Veränderung. Statt die Geisterbahn fahrenden Gedanken im schaurigen Berlin zu lassen, hole ich sie hervor. Jeden einzelnen, jeden in seiner nackten Ehrlichkeit und Vollkommenheit. Und ich habe keine Angst vor ihnen. Ich habe ein Gegenüber gefunden, dass diesen Gedanken mit Aufmerksamkeit begegnet, ich habe einen Ort gefunden, in dem sie sich in der stillen Luft austoben können. Ich habe so viel Ruhe in mir, wie selten zuvor.

Weiter geht der Weg …

durch die Tyssaer Wände, vorbei am Kassenhäuschen mit einer so herzlich lachenden alten Dame darin, ein Lachen, dass noch lange nachhallt im Nebel und dem einsetzenden Nieselregen. Wir gehen vorbei an merkwürdigen Ausformungen der Felsen, enge Treppen hinauf und hinab, Felsenlöcher lassen mich neugierig hineinsehen und die neu angepflanzten Nadelbäume zwischen den zerzausten Birken gestatten den Gedanken, in die Zukunft zu wandern. Irgendwann, in vielen Jahren, werden die jetzt eben entstehenden Fotos mehr vom Grün geprägt sein als vom nachdenklich geheimnisvollen Weiß und Grau dieses Tages. Obwohl ich diesen Bildern keinen Moment der Schönheit absprechen möchte. Keinen Moment der Wärme. Aber sie werden sich verändern. So wie die Gedanken es tun und die Orte, an denen sie entstehen. 

Hier oben sind die Felsen noch mondäner, erhabener. Und auch hier liegen zu ihren Füßen Riesenbausteine wild durcheinander gewürfelt. Moos haftet ihnen hier jedoch nicht so an. Wie lange mögen sie da schon liegen? Wir werden uns nicht einig und einigen uns doch darauf, dass sie das Antlitz dieses Ortes seit Ewigkeiten prägen. Nur das Drumherum verändert sich in schöner Regelmäßigkeit, der Mensch macht seinen Einfluss gelten.

Der Blick hinunter in die Täler ist verwehrt vom Nebel. Ich habe trotzdem keine Angst. Das Gespräch zwischen uns wird intensiver, härter, detailreicher, ungeschminkter. Die unglaubliche Ruhe der Natur um uns herum als Kontrast.

Auf dem Weg hinunter in den Ort Tisa winken wir der Frau im zweiten Kassenhäuschen zu. Muss man machen, erfahre ich, damit wir auch zurückkommen dürfen.

Und wieder ein Morgen

Ich fühle, dass die Reise nach Ostrov etwas in mir verändert hat. Das ich bei meiner Rückkehr nach Berlin einen neuen Weg gehen könnte: das Gedankendickicht ist durchschaubar und das noch notwendige Säubern sollte auch ich schaffen. Dass ich eine Verbundenheit gefunden habe, was ich nie wieder verlieren möchte: nur wie weit trügt mich der Schein?

Der kommenden Stunden vergeht in meinen Beobachtungen über die so wirbelige, vollkommen entspannte Menge der Menschen vor den Hütten und Wohnwagen, Zelten und am noch glimmenden Feuer. Die Frauendusche ist geschlossen und ich dusche gemeinsam mit jungen Männern und Müttern mit aufgeregt plappernden Kindern. An jedem anderen Ort der Welt hätte ich das verantwortliche Management zur Rede gestellt. Hier denke ich nicht einmal darüber nach, alles ist gut. Zähneputzend stehe ich dann am langen Trog vor dem Duschcontainer, rieche wieder hinein in die kalte Luft und habe nicht die sonst so schleichende Wehmut beim Anblick der schmutzig feuchten Blätter auf der noch sommergrünen Wiese.

Wir frühstücken sehr lang an diesem Morgen. Brötchen und selbstgemachtes Pesto und türkischer Kaffee, erneut diese Wärme aus dem kleinen gusseisernen Ofen, Katzen und große Hunde, die ersten Mittagsgäste mit der unverwechselbaren Knoblauchsuppe um uns herum. Und wieder Gedanken, Erinnerungen, bitterböse Wahrheiten und harte Realitäten. Und mein laut schlagendes Herz mit der puren Angst, mein Gegenüber zu überfordern. Doch Kopf und Bauch haben sich verschworen und nehmen keine Rücksicht.

Das Felsenplateau über Ostrov.

Der Weg hoch hinauf auf die Felsen über Ostrov ist ein so widersprüchlicher. Neben eher nachlässig am Wegesrand liegenden Häuschen mit der schon erwähnten tschechischen Nachlässigkeit finden sich auch kleine Schmuckstücke. Wir bestaunen ein perfekt und bilderbuchhaft gebautes Kinderhaus mit kleinen Fenstern und flatterbunten Gardinen. Drei schöne Badestellen hatte der Ort einst, viele stille Jahre ist es her. Zu diesen Zeiten besuchten frischluftsüchtige Ausflügler in großer Zahl den kleinen Ort.  Heute ist es noch die Wiese am See, die Besucher anzieht, die beiden anderen Bäder sind zugewuchert oder liegen betonnackt und verloren da. In den Wäldern oberhalb des Ortes treffen wir kaum auf andere Wanderer. Die eben noch das Tal überstrahlenden Sonnenstrahlen sind verschwunden, es ist wieder nebelgrau und trotzdem so kräftig grün.

Wir pendeln ein wenig an der Grenze zwischen Deutschland und Tschechien und kommen schließlich auf das Plateau mit einem einzigartigen Blick auf das Tal. Ich möchte einfach nur stehen und schauen und tief einatmen und wieder schauen. „Kannst Du das eigentlich genießen? Also den Blick?“ erreicht mich die Frage. Ja verdammt, natürlich kann ich das. Aber es ist so unerklärlich schön und manchmal hat man einfach keine Worte. Mein Kopf ist ganz klar und mein Herz in einem so schönen Rhythmus.

Zurück in Berlin.

Ich bin zurück in Berlin. Veränderungen wollen irgendwann gelebt werden. Und doch wollte ich gar nicht weg von Ostrov. Wollte bleiben bei dem warmen Holz im Ofen, den Tschechen mit dem seltsamen Humor … Becherovka – Top Secret das Rezept und so … wollte weiter wandern in den einnehmenden Bergen und Wäldern, reden und erkennen.

Ich will irgendwann einen Sommer da fühlen und sogar den Schnee spüren. Will den Puppenspieler im Ort kennenlernen, dessen markante Gestalt ich nur auf dem Foto über dem Kamin bestaunt habe. Und will wissen, was aus dem alten weißhaarigen Mann aus Ostrov geworden ist, der gerade mit zwei gebrochenen Beinen im Krankenhaus liegt. Ob er es überwinden und nicht in eine tiefe Depression fallen wird? Und ich möchte natürlich auch sehen, ob das alte Schwimmbad vor dem Haus noch einmal zum Leben erwacht.

Es ist mitten im Herbst und ich hatte gerade begonnen, mich mit ihm zu arrangieren. Mein Bauch hat gewusst, dass dies nicht funktionieren wird. Und hat ein heftiges Rumpeln und Klopfen begonnen in der Einsamkeit von Ostrov.