Berlin-Mitte, Spandauer Vorstadt … kann man mögen

Was auffällt und stetig wächst, in Berlin-Mitte, in der Spandauer Vorstadt: Zahlreiche teure Boutiquen, deren Angebot mich selten anspricht. Galerien mit für mich nicht interessanten Werken. Hippe Restaurants, Bars und Lebensmittelgeschäfte bieten die aktuellen kulinarischen Trends, interessant und oft kurzlebig. Sanierte und neu gebaute Häuser, kreative Hotelkonzepte, hochpreisige Stellplätze. Touristen, soweit Ohr und Auge reichen.

Was es nur noch an wenigen Stellen gibt: Einen Supermarkt mit einem ganz normalen Angebot. Einen Späti mit allem, was man an einem Abend brauchen könnte. Bewohner, Einheimische, die schon seit vielen Jahren den Kiez zu dem machen, was er eigentlich sein sollte. Kneipen und Cafés ohne Touristen. Kinderlachen.

Was überlebt hat: Clärchens Ballhaus, marodierend und immer etwas schmuddelig. Dafür wird hier seit über 100 Jahren ununterbrochen getanzt. Gerade heute war dazu in der Zeitung von dem Unternehmer Yoram Roth, der das Haus gekauft hat. „Ich liebe Clärchens, ich will es so haben. er will es behutsam renovieren, „ein schamloses, seelenloses Ding daraus machen“ kommt für ihn nicht in Frage. Die Jüdische Gemeinde, auch dieser Ort unrenoviert, die zerstörte Fassade von einem die herabfallenden Steinbrocken abfangenden Netz abgehangen, Absperrungen und Polizei vor dem Eingang. Wenige ähnlich kaputte Häuser gibt es noch, diese in der Regel mit kämpferischen Parolen auf großformatigen Plakaten an der Hauswand.

Was ich erinnere: Die Zeit in den 90er Jahren, abgewrackte Gebäude und jede Menge Partys, Wohnungen im Hinterhaus, oft klein und sehr preiswert, geklaute Räder an meinem Auto, das Kunsthaus Tacheles mit einer unglaublich kreativen Mischung an echten Typen, Verrücktem, Zigarettenqualm und eher einfachen, dafür recht hochprozentigen Drogen für den verrückten Kopf mit den wildesten Ideen und Träumen. Die Künstler sind weggezogen, ruhiger sind sie nicht wirklich geworden, dafür irgendwie vergessen. Noch vor wenigen Jahren die CO Galerie mit wirklich einmaligen Ausstellungen, sie ist vor wenigen Jahren umgezogen ins Amerikahaus in der Hardenbergstraße.

Arbeiten in Berlin-Mitte

Ich steige die Stufen der S-Bahn Station Oranienburger Straße hoch und bin mitten drin, in Berlin Mitte. Mein Weg führt vorbei an einer Bio-Bäckerei, oft gehe ich hinein und kaufe ein vegan belegtes Brot, ja, es ist lecker, doch eines macht mich selten satt. Ich gebe also die fünf Euro aus und ärgere mich, nichts von zu Hause mitgebracht zu haben. Im Café Ecke Augusstraße / Tucholskystraße sitzen auch am Morgen fast immer Touristen, vielleicht ist auch mal ein Büromensch darunter, oft dürfte das jedoch nicht vorkommen. Mein Büro: Auguststraße, Erdgeschoß, Sichtbeton, Großraum, Hellhörigkeit, herumlaufende Hunde der Kollegen. Ankommen gibt es Kaffee mit aufgeschäumter Milch oder auch Sojamilch und dazu das erstandene Brot, ein Plausch mit den anwesenden Kollegen, fast immer ein entspannter Start. Doch der Eindruck täuscht. Wenn ich am Abend die Stufen zur S-Bahn wieder hinabsteige oder doch die 1000 Schritte bis zur Friedrichstraße stolpere, dann bin ich erschöpft, ausgelaugt. Dann habe ich den ganzen Tag Musik auf den Ohren gehabt, um die Geräuschkulisse im Büro auszublenden, die immerwährenden Telefonate, die Hunde, die Unruhe. Dann habe ich meine Ruhe nicht finden können, meine Ideen nicht präsentieren und meine Gedanken nur halb wiedergeben können.

In Berlin-Mitte gibt es weniger Industrie, weniger Werkstätten, dafür ungezählte Büros, Kanzleien, Co Working Spaces und ähnliche kreativ-stille Unternehmen. Laut und bunt und unstrukturiert scheint es mir, getrieben von egozentrischen Wesen, aufgepeitscht von vor allem jugendlichem Eifer und einer schon an Dekadenz grenzenden Negation des Vorhandenen, bewährten. Wenn ich dieses Treiben mit dem notwendigen Verständnis und der gesammelten Erfahrung bewerten würde, der Widerstand der hippen, kreativen, unruhevollen Geister wäre mir gewiss. So schaue ich mit Befremden auf das Treiben und weiß, dass meine kreativen, raumgreifenden und strukturierten Phasen an einem anderen Ort und in einer anderen Aufgabe viel besser und beachteter aufgehoben sind.

Mittagessen in Berlin-Mitte

Leider habe ich eher selten etwas selbst gekochtes bei mir und schon wieder ärgere ich mich. Oft gehe ich in den nahegelegenen Kiezladen, einer der letzten. Privat geführt und mit einem echt umfangreichen Angebot. Salat, Tomaten, Gurke oder Avocado, oft Würstchen, die ich gleichermaßen verfluche und liebe, körniger Frischkäse und ein Brötchen, Dressing rühre ich mir im Büro zusammen, mittelscharfer Senf ist immer da. Oft genug gehe ich aber auch mit den Kollegen in eines der hippen Restaurants wie das BEETS &ROOTS mit wirklich gesunden, leckeren Bowls oder das DALUMA   mit einem ähnlichen Angebot, auch hier stehen gesunde Lebensmittel ganz im Fokus. Oder wir suchen uns aus der kunterbunten und tatsächlich gut gemischten Vielfalt einen Laden aus, essen dort oder nutzen Take Away, fast jeder bietet es an, mal schmeckt es, mal ist es einfach gruselig. Alle Anbieter sind jedoch auf das Mittagsgeschäft der anliegenden Büros

Leben in Berlin-Mitte

„Die Spandauer Vorstadt hat sich zu einem auch touristisch attraktiven Wohn-, Geschäfts- und Szeneviertel mit deutlicher Tendenz zur Gentrifizierung entwickelt“ schreibt Wikipedia. Ja, das stimmt und genau das ist der Grund, warum ich es nicht mag, hier keinen Platz für mich finde. „Es ist nicht mehr meine Gegend, es fühlt sich fremd an.“, schrieb mir jemand, der in den Straßen der Spandauer Vorstadt aufgewachsen ist, 1998 zog er weg, das Gefühl, fremd zu sein, war zu übermächtig.

Der Buchladen in der Tucholskystraße wird seit Jahren von einem Ehepaar geführt, das auch in eben diesem Kiez groß geworden scheint, die Räume sind für mich wie ein Hort der Ruhe und des Friedens, auch das Klientel scheint aus den wenigen hier Verbliebenen zu bestehen. Ich bewundere die Beiden für das Durchhaltevermögen, vielleicht haben sie sich auch ein ganz dickes Fell und eine zweite Haut zugeleght, weil ein Neuanfang an einem ihnen fremden Ort nur schwer gelingen würde.

Tagsüber marodieren Touristen durch die Straßen, bevölkern die Boutiquen und Cafés, am Abend die Restaurationen und in der Nacht wieder die Straßen. Sichtbar wird dies immer am Morgen, wenn der Müll sich türmt.

Nachdenkliches

Meine Beschreibungen berichten nur von den Dingen, die sich in mir festgesetzt haben, natürlich sind sie nicht vollständig und gelten nicht für jeden Betrachter. Es gelingt mir auch nicht aus der Ferne, ein positives Gefühl für den Ort, für die Spandauer Vorstadt in Berlin-Mitte zu entwickeln.