Berlin. Beliebigkeit und Mittelmaß breiten sich aus.

Berlin. Die Stadt verändert ihr Gesicht in einem wahnsinnigen Tempo. Ich konnte es beobachten in den vergangenen 20 Jahren. Heute habe ich einen langen Spaziergang durch diese Stadt gemacht. Immer wieder musste ich flüchten an Orte, die mir vertraut und lieb sind, um nicht zu sehr daran zu zweifeln, länger hier bleiben zu wollen.

Vom Gendarmenmarkt zum Berliner Dom

Begonnen habe ich meine Reise an der U-Bahn Station „Stadtmitte“. Ein leichtfüßiger Weg über den Gendarmenmarkt in der vormittäglichen Sonne. Es ist ein schöner Platz, ich mag ihn sehr. Der Französische Dom erhebt sich neben dem Schauspielhaus in die Höhe, junge Menschen sitzen auf den Treppen und der rote Teppich liegt einsam drapiert über die hoch hinan steigenden Stufen. Es ist noch ruhig hier. Vorbei an den rege schaffenden Arbeitern beim Bau des Stadtschlosses komme ich auf den Boulevard „Unter den Linden“. Seit Jahren eine so oft verwaist liegende Baustelle, die den Blick ernüchternd ablenkt von den schönen, alten und den marodierenden Gebäuden auf beiden Seiten. Schnell lenke ich meine Schritte auf die große Wiese vor der Museumsinsel. Menschen sonnen sich auf dem nicht mehr wirklich frischen Grün, fotografieren. Ich durchquere eine Schulklasse, in ihrer Mitte der Lehrer, der die Aufmerksamkeit der jungen Leute mit einem heroischen Vortrag über die Geschichte von Berlin sucht.

Mein Ziel ist der Berliner Dom, ich möchte einmal wieder von seinen Höhen auf die Stadt schauen. Fast 300 Stufen sind es bis zum Rundumblick. Kräne, Baustellen und neu Erbautes blicke ich. Nein, ich habe nichts dagegen, freie Flächen zu bebauen oder in die Jahre Gekommenes zu sanieren. Aber es ist die Art, wie es geschieht. Da wird verdrängt und billig wirkend emporgezogen, wo es geht. Hey Berlin, wo sind all Deine besonderen Hotels, die privaten Pensionen, die Geschäfte mit den pulsierenden Gedanken, die kleinen Kneipen mit dem die Zeiten überdauernden Scharm? Massenware macht sich breit ohne Anspruch auf das Schreiben einer bleibenden Geschichte. Profit verdrängt behutsam oder revolutionär gelebtes Sein.

Wo sind die Linden?

Weiter geht es, den Prachtboulevard Unter den Linden hoch, der keine Pracht und kaum noch Linden hat. Bauzäune, Schmutz und Lärm, Seit Jahren. Ja, man hat alte Gebäude wieder schön saniert und aufgebaut. Der Wiederaufbau der alten Kommandantur ist so ein Beispiel. Auch die gerade geschehene Rekonstruktion der Staatsoper, lassen wir mal die Verzögerung beim Bau aus dem Spiel. Beim Stadtschloss muss ich nachdenken, ob ich es mögen werde. Mein Weg führt vorbei am „Einstein“, das so schnöde seinen eloquenten Besitzer wechselte und nun ein Café unter vielen ist. Ich werde nicht mehr hineingehen. Ich flüchte mich ins Hotel Adlon auf einen Kaffee und ein Stück Rhabarberbaiser. Endlich Ruhe und ein bekanntes Gesicht. Mit H. habe ich vor fast 20 Jahren die neue Geschichte des Hauses mitgeschrieben und ich erfreue mich an seinem bescheiden und verlegenen Lachens, als er mich sieht. Dieses Haus hat mit der Wiedereröffnung die Fortschreibung seiner Tradition geschafft. Leider eines der wenigen Häuser, die dies von sich behaupten können. Man hat die Lobby renoviert und neue Möbel in italienische Stoffe gehüllt besetzen den Platz rund um den schon immer zum Haus gehörenden Elefantenbrunnen. Gut, auch hier eine kleine Kritik: hat sich der Designer mal in einen dieser Sessel gesetzt? Der Blick versperrt von unzähligen weiteren Sesseln kann sich kaum den Weg bahnen zur doch eigentlich harmonierenden Einheit dieser Halle. Aber ich kann gedanklich wieder zu mir kommen, aufatmen.

Spreeansichten

Vorbei an den übervölkerten Hotspots der Berliner Gäste erreiche ich nach diesem Aufatmen die Spree. Hier ist Stille und Frieden und Grün und neuen Architekturen, die sich zum Großteil anpassen. Es wird viel Kritik geübt an den Raum greifenden Regierungsgebäuden. Aber ich finde deren Architektur gut eingepasst an dieser Stelle und auch harmonisch mit den noch alten Bauten. Nur wenige Menschen beschauen sich heute die Stadt von der Spree aus. Die vielen Ausflugsschiffe sind fast leer. Dabei ist es ein so sonniger, warmer Tag. Spätsommer möchte ich ihn nennen, trotz des Datums Ende September. Kein Anzeichen von Herbst, höchstens in meinem Herzen. An den Ufern sonnen sich Oberkörperfrei und Kravattengelöst nur wenige. Weiden hängen mit ihren langen Zweigen ganz tief in das dunkle Wasser.

Ich laufe bis zu dem sich gerade in einem Sanierungsstadium befindlichen Gerickesteg Nähe des S-Bahnhofes „Bellevue“. Hier beginnt der Stadtteil Moabit. Nur wenige Schritte sind es noch bis zum Atelier meiner lieben Freunde Klaus und Gundula Dupont. Wir sitzen in der Mittagssonne auf der Bank vor dem Atelier und genießen einen gemeinsamen Augenblick. Ich werde mit einem nachmittäglichen Imbiss fein gestärkt und bewundere wie immer die so schönen Arbeiten von Klaus, ganz besonders diesmal die nautischen Exponate vor ihrem türkis strahlenden Hintergrund, gerade zurück von ihrer Reise aus Paris. Klaus ist unruhig, will arbeiten. Ich nehme von der Turmstraße aus die von mir nicht eben präferierte U 9 Richtung KuDamm.

Aufatmen, der KuDamm

KuDamm. Ja, ich liebe diesen Boulevard. Angefangen vom eigentlich nicht mehr dazugehörenden KaDeWe am Tauentzien bis hin zu den ersten Ausläufern des Grunewaldes. Ja, es hat sich an vielen Stellen der Mainstream ausgebreitet mit seinen so vergleichbaren Marken. Aber vor allem die Seitenstraßen offerieren noch immer die kleinen Besonderheiten: Salons, Geschäfte mit sonst nicht zu findenden Angeboten, kleine feine Restaurants. Soll ich in das so anheimelnde Cinema Paris gehen? Oder setze ich mich doch lieber in die aufgereihten Stühle des legendären Kempinski Hotels und beobachte die vorbei strömenden Menschen? Es soll bald abgerissen werden und ich hoffe, diese Pläne versanden in den Gedanken der Verantwortlichen. Doch nein, ich flüchte schon wieder. Diesmal in die Stille des geliebten „Kaffeehaus Grosz„. Gut, ich gestehe, es ist da in der Regel sehr lebendig, aber ich kann da immer wieder zu mir kommen, trotz des Treibens. Heute jedoch sitzen nur sehr wenige Besucher an den Tischen. Vor dem pompösen Eingang gäbe es auch die Möglichkeit des Verweilens. Doch ich gehe vorbei an dem Vater, dessen offenbar recht  verwöhnte Tochter ihm die Vorteile irgendeines neuen Handys erklärt, dass sie gerade haben möchte. Er mustert mich von oben bis unten und ich denke, er wäre etwas glücklicher mit mir und einer einvernehmlichen Ruhe bei einem gemeinsamen Glas Riesling unter den stuckverzierten hohen Decken im Inneren. Mein Tag geht zu Ende.

Berlin. Der bittere Nachgeschmack

Die Straßen von Berlin werden nicht nur bevölkert von den Touristen, den Neuhinzugekommenen, den Langedaseienden. den schillernden und traurigen Gestalten. Es sind die immer zahlreicheren Obdachlosen dieser werdenden Weltstadt, die mich fassungslos machen. Fassungslos und verdammt wütend. Es ist sehr schwer, darüber zu schreiben. Ein Mann kam mir heute auf dem KuDamm entgegen. Es hielt zahllose, mit Flaschen gefüllte Plastiktüten in der Hand, aus einem ragten zudem Badesandalen. Seine Füße waren nackt und seine Beine rot und blau und offen von eiternden Wunden. Wir können spenden und helfen und mit anfassen. Es ändert nicht die verfehlte Politik unseres Landes und dieser Stadt an den Verlierern.

 
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