Zoologischer Garten Berlin. Zwölf Minuten, bis die U2 kommt!

12 Minuten sagt die Anzeige am Bahnsteig der U2 am Bahnhof Zoologischer Garten … Ewigkeiten … was tut man mit der unfreiwillig geschenkten Zeit? Man kann schnell mal das Handy checken und mehr oder wenig sinnvolle Nachrichten beantworten oder Texte lesen, man kann Candy Crush spielen, sich schnell noch einen Döner holen, einfach die Menschen um sich herum beobachten oder einfach nur in aller Demut warten. In allererster Linie ist man genervt, weil sie eben zu spät kommt, man kann auf die BVG schimpfen und im Kopf die Möglichkeiten für den Grund der Bummelei durchgehen: Ist ja eh immer so … zu wenig Mitarbeiter und falsch bezahlt … Reparierungsstau und zu wenige Wagen … Polizeieinsatz am Gleisdreieck …??

Bahnhof Zoologischer Garten

Ehrlicherweise fasziniert mich genau dieser Bahnhof und ich bin hin und her gerissen, ob ich diesen eher mag oder doch besser umfahre. Die Bahnhofsmission hat im hinteren Bereich eine Dependance, bekannt und noch vor Jahren engagiert geleitet von Dieter Puhl, dem Sprecher der Armen und Obdachlosen in dieser Stadt. Wir kennen uns von gemeinsamen Aktionen mit dem nahe gelegenen Waldorf Astoria und ich verstehe, warum er jetzt als Lobbyist seine Arbeit verrichtet, er wird auch in dieser Rolle viel bewegen. Doch das nur am Rande.

Die Gäste der Bahnhofsmission sind überall auf und um den Bahnhof in ihrem Elend präsent. Bettelnd und trinkend, auf dem Boden kauernd, schmutzig. Es stinkt und man geht recht unwillig dort vorbei. In meinem Kopf kämpfen das sich rührende Gewissen und die Wut auf das Versagen der Verantwortlichen und die Gedanken an das, was man selber dagegen tut oder tun kann.

Die Zooterrassen, einmal prächtig und bekannt, dann heruntergekommen und jetzt McDonalds beherbergend. Trotz der Modernität eine so unschöne und vor allem so beliebige Entwicklung. Den Zeitungsladen am Abgang zur U2 hingegen mag ich, das Angebot ist vielfältig, bunt, ausreichend, nette Menschen hinter der Theke und sauber ist es auch.

Imbiss- und typische Bahnhofsstände mit oft wechselnden Besitzern, auf dem Vorplatz die berühmte Currybude und in der seit vielen Jahren hier beheimateten Apotheke bin ich oft Kunde. In der ganzen Stadt bekannt auch der Ullrich Supermarkt. Eher etwas schmuddelig, fast immer geöffnet, also auch an den Feiertagen, riesengroß, von der Geburtstagskarte bis Sushi gibt es eigentlich alles, Kassen am hinteren und vorderen Ausgang. Das Angebot ausgerichtet auf die, die was vergessen haben oder noch ein schnelles Bier und was auf die Hand brauchen oder denen am Sonntag die Tampons ausgehen. Eben dieses Angebot hat mir doch an so manchen Sonntagen den überraschend leeren Kühlschrank gut gefüllt. Die Verkäuferinnen fast ausnahmslos älteren Semesters, Berliner Herzlichkeit ist Pflicht und Anonymität an einem solchen Ort sowieso.

Der Bahnhof Zoo ist groß, Regionalbahnen und viele S-Bahn Verbindungen auf den oberen Gleisen, im ersten UG fährt die U2, auf dem darunter querenden Gleis die U9. In eben diesem Kellergeschoss findet sich auch eines der Servicecenter der BVG, hinter den drei Schreibtischen lümmeln, hocken und gestikulieren die Mitarbeiter, es werden Fahrkarten verkauft, Abos ebenso, es werden Beschwerden entgegengenommen und Fragen beantwortet. Auch hier die Berliner Herzlichkeit, die auch mit einem Mindestmaß an der so wichtigen englischen Sprache in dieser Stadt auskommt. Wenn ich am Morgen auf dem Weg zur Arbeit von der U 2 kommend zu den Treppenstufen der oben fahrenden S-Bahn eile, verwundern mich ein jedes Mal die Automatiktüren, die mit dem Strom der vorbeihastenden Menge sich beständig öffnen und schließen. Ich würde vollkommen durcheinander werden bei dieser ewigen Bewegung, die Herren und Damen stört es eher nicht. BVG … sollte man lieben und ich tue es auch.

Ein Fotofix Automat

Es war ein stickig warmer Frühsommerabend und ich wollte nur rasch heim, raus aus dem wirren Getümmel und rauf auf mein neues, samtgelbes Sofa. 12 Minuten Verspätung für die U2, Polizeieinsatz am Gleisdreieck. „Mann …“ Augenrollen und schlechte Laune. Hunger hatte ich bedauerlicherweise und ganz befremdlich bei mir auch nicht. Die Aussicht auf einen Karton mit gebratenen Nudeln, einen rosaroten Donout oder gar die Pizza aus der Papptüte, deren Geruch immer erst Hungergefühle auslöen, machten mich eher noch ungehaltener. „Weißt Du, was man in 12 Minuten machen kann?“ Augenrollen meinerseits. „Nein, und ich will es auch gar nicht wissen, ich bleibe jetzt hier einfach stehen und warte.“ Punkt und Augenrollen.

Doch dann zieht mich die Hand meines Begleiters fort, hin zum FotofixAutomaten direkt neben dem asiatischen Nudelstand, nahe des Abgangs von der U2 zum Gleis der U9 und dem Aufgang zur S-Bahn. „Oh mein Gott ist das kindisch … und teuer ….!“ Augenrollen. Und schon etwas Neugierde im Blick. So etwas hab ich echt noch nie gemacht und mich schon immer gefragt, wer so etwas eigentlich macht.

Und dann suchen wir in Jacken- und Hosentaschen, in Handtasche und Rucksack nach Münzen. Wir bemühen uns um eine passende Position in der engen Kabine, nebeneinander geht da eh nicht, eher über- und hintereinnander, noch besser völlig ineinander verknotet. Ich zupfe und lege glatt und positioniere das von den vergangenen Stunden vollkommen verwuschelte Haar. Köpfe rangeln um das Vorrecht, ganz erfasst werden zu dürfen und sind am Ende doch eher ein zusammen gehörendes Konglomerat. „Sollen wir lächeln oder doch eher grinsen, die Zunge rausstrecken – ist immer wieder ein beliebtes Motiv – oder ganz verliebt gucken oder eher draufgängerisch oder genervt wie diese Stadt … wer wird die Bilder überhaupt sehen wollen und was machen wir damit? Passen ja immer gut in das Geldtäschchen ….“ 9 € schluckt der Automat am Ende für 4 Bilder in schönstem SchwarzWeiß und dem herrlichsten Grinsen in den vor Aufregung ganz geröteten Gesichtern.

Nachtrag zum FotoFixAutomat

Wenige Tage später wollte ich den FotoFixAutomaten noch einmal selbst fotografieren, eben für diese Geschichte, die Bilder aus dem Automaten selbst sind doch zu privat. Doch weg war er, der FotoFixAutomat. Weg und fort, geblieben sind die schönen Erinnerungen an 12 Minuten Wartezeit auf die U2.

#WeilWirDichLieben; #Fotofix, #BahnhofZoo