Abseits gegangener Pfade – Vereinshaus der Bahn-Landwirtschaft Berlin


Mein Spaziergang an jenem leuchtenden Herbstwochenende sollte eigentlich nur eine ganz kurze Runde werden, das schöne Wetter nötigte mir trotz anderer Pläne einen gedankenversunkenen Gang durch den Litzenseepark ab. Und obwohl ich nur wenig von meiner Umgebung wahrnahm, fiel mir das unscheinbare grüne Tor mit dem verwitterten Schild darüber fast sofort auf: es verkündete den Eintritt in das Vereinshaus der Bahnlandwirtschaft Berlin Charlottenburg. Beim näheren Betrachten sah ich auch die Speisenkarte auf einem welken Blatt im rostigen Anschlagskasten. Hausmannskost, ganz bunt durch die Länder verteilt. Durch das Tor hindurch blickte ich nur auf eine moosbewachsene Mauer an einem schmalen Weg und unter verwilderten Büschen, hinzu kam das gleichförmiger Rattern der Berliner S-Bahn auf den höher gelegenen Gleisen. Ein solcher Ort und mitten im aufgedrehten Berlin, entschlossen öffnete ich das Tor.

Durch akkurat angelegte Schrebergärten führte ein schmaler Weg, dazwischen manchmal ein rebellischer Ausbruch wilder Gärtnerslust. Weitere Anschläge erklärten die korrekte Verteilung von Nutz- und Zierpflanzen im deutschen Gärtnerverein.
Die letzten anwesenden Kleingärtner dieser Saison schauten neugierig auf mich als die unbekannte Vorbeigehende, grüßten aber ausnahmslos freundlich. In Gedanken prüfte ich meine Tauglichkeit als Besitzer solcher 300 qm. Ich war sehr zwiegespalten. Feuerschalen durfte man nicht anzünden, las ich auf einem weiteren Papier des Vorstandes, des Funkenflugs wegen und der Belästigung der Gartennachbarn. Das klang mir dann doch sehr nach einem vorgeschriebenen Freizeitvergnügen, ich sah mich also weiter nur als sensationslüsterner Eindringling.

Einem ausgetretenen Pfad folgend, der dann doch wieder nach regelmäßiger Benutzung aussah, gelangte ich an eine eiserne Bahnbrücke. Ein niedergetretener Maschendrahtzaun und ein auf die drohende Einsturzgefahr hinweisendes Schild störten offenbar den Mann mit der Mistkarre wenig und auch die Dame in ausgetretenen Gartenschuhen strebte eilenden Schrittes zur anderen Seite. Spielen auf der Brücke war auch verboten. Aha. Was für Spiele wären das denn gewesen, ging es mir durch den Kopf, als die S-Bahn unter der Brücke hindurchhämmerte. Spielen verboten! Springen erlaubt? Verrückte Welt.

Ich überquerte also die Brücke, die weder knarrte noch sich unter mir bog und stand vor dem Vereinsheim. Dieses eigentliche Ziel hatte ich über meinen Betrachtungen schon wieder vergessen. Die blauweißen Wimpelketten erzählten vom gerade gefeierten Oktoberfest, Festbier gab es offensichtlich auch noch. Die karierten Decken auf den Gartentischen vor dem Vereinsheim weckten in mir den Wunsch nach einem Kaffee oder Bier oder was auch immer der kräftige, in der Tür stehende Wirt wohl anbieten konnte. Er heißt Steffen, wie ich später erfuhr, und kam eigentlich und vor langer Zeit aus dem Ruhrpott.

Steffen brachte mir nun also einen Kaffee und später auch den selbstgebackenen Pflaumenkuchen. Die Frage „…mit oder ohne“ bejahte ich natürlich. Und dann saß ich und trank meinen Kaffee, verschlang den Kuchen und lauschte den Gesprächen der anderen Gäste. Es ging natürlich um die Anlage, um den Erich, der doch immer noch mehr Ziersträucher als Gemüse hatte, um Anita, die auch schon lange nicht mehr da gewesen war und darum, dass man sich immer nur im Stillen aufregt und am Ende doch keiner was sagt. Die Vorbeikommenden waren fast ausnahmslos auch Parzelleninhaber, zu erkennen an der Gartenkleidung, an den herübergeworfenen Grüßen oder eingeschobenen Pausen und dem sofortigen Einstieg in die diskutierten Themen. Steffen kam auch immer wieder mit seiner Meinung dazu, die beiden an meinem Nebentisch sitzenden Herren – in jedem Fall auch zur Gemeinde gehörend – sagten eher nichts. Irgendwann ging es natürlich auch um das letzte Hertha Spiel und die aktuelle Politik. Zitate von Loriot flogen durch den Raum und andere sinnige Sprüche. Irgendwie habe ich mir gewünscht, mitreden zu können bei den kleinen und großen Themen. Ich wollte mich treiben lassen in dieser überschaubaren, geregelten Welt…

Eine Woche später bin ich wieder über die verbotene Brücke gegangen und habe mir von Steffens Frau Ute „Schäufelchen mit Rotkraut und Klößen“ kochen lassen (Eisbeinsülze war leider schon aus), einen leckeren Grauburgunder dazu getrunken und mich in die kleine, entspannende Welt zwischen Stammtisch- und Kleingartenplapperei fallen lassen. Die aktuelle Politik ließ die Stimmung unter den Anwesenden doch recht impulsiv werden, das nebenbei auf dem großen Monitor laufende Fußballspiel hingegen ermunterte höchstens Inge und Petra in ihren fast gleichen Gartenstiefeln zu bissigen Kommentaren über weicheiige Fußballgrößen. „Immer lässt der sich einfach hinfallen … macht man doch nich… “ „Haben die alles von den Italienern gelernt“ hört man Rudi über seinem Bier ausrufen.

Ich ließ dem Grauburgunder noch einen zweiten folgen. Irgendwann zu Hause angekommen las ich auf der Website der Bahn-Landwirtschaft, dass in der Charlottenburger Kleingartenanlage noch freie Parzellen zu vergeben seien. Eine Überlegung ist es wert.

Wer auch mal vorbeigehen möchte: Vereinshaus Bahn – Landwirtschaft Bezirk Berlin e.V. , Rönnestraße 29, Berlin, blw-charlottenburg.de