6 Menschen, 10 gemeinsame Schuljahre, ein Wiedersehen nach 31 Jahren.

Zurückreisen in die eigene Vergangenheit birgt Gefahren. Sich gemeinsam mit Menschen aus dieser Zeit auf eine solche Reise begeben ist noch heikler. Sentimentalität könnte aufkommen, irgendwer möchte alte Schulden aufrechnen, die Veränderung des Einzelnen weg von seinem damaligen ich zu einem nun Fremden blockiert jedes Gespräch. Oder eine peinliche, betroffene, unerträgliche Stille breitet sich aus, wenn die schmalen Fragen nach dem Heute und Wo und Wie notdürftig beantwortet sind. Ich habe mich immer um solche Treffen gedrückt, erst jetzt konnte ich mich mit schöner Erwartung im Bauch auf eine solche Begegnung einlassen und bin nach Dresden gefahren. Und da standen wir da: 6 Persönlichkeiten, die vor doch sehr langer Zeit 10 gemeinsame Jahre ein Schulhaus in Dresden Plauen bevölkerten.

Die Schule ist weg

Der ursprüngliche Plan einer lustigen Floßfahrt auf der Elbe ließ sich nicht umsetzen, zu wenig Wasser im großen Fluss. Dann also Plan B und ein Spaziergang auf den alten Pfaden. Unser Treffpunkt, der Müllerbrunnen, steht an diesem Ort, seit wir uns erinnern. Dass R. ihn irgendwann am Vatertag unsittlich schmückte, erfahre ich erst heute. Darauf ein Hugo aus dem Plastikbecher. Zur alten Schule zog es uns zunächst, am besten über den nahen Friedhof. Ja, meine liebe S., in der zugehörigen Auferstehungskirche waren wir nie drin und auch heute blieben die Türen für uns zu. Alle anderen kannten das Innere, sei es durch ihre Teilnahme am damaligen Christenlehre-Unterricht oder in späteren Jahren am weihnachtlichen Gottesdienst. Ich erinnere nicht mehr, worüber wir alle plötzlich so lachen müssen, dass wir die Friedhofstreppe kaum noch hochkommen. War es, weil wir uns über Dich, G., amüsierten, der Du in unserer gemeinsamen Whats App Gruppe immer so vieles in Großbuchstaben schreibst? AUSSAGEN vor allem. Oh, wir haben noch so viel und herzlich gelacht an diesem Tag.

Unsere alte Schule war dann ein etwas schwieriger Moment. Man hatte erst wenige Wochen zuvor eines der beiden Schulhäuser – das so genannte B-Haus – und die Turnhalle dem Erdboden gleich gemacht, ein Neubau ist eben billiger als eine Sanierung. Nur die alte Mauer stand noch da, die vom Schultor. Gerade in diesem Haus stecken 6 wilde Jahre unserer Jugend. Da haben wir ständig den Vertretungsplan durchforstet in der Hoffnung, den heimlich geliebten Lehrer in einer solchen Stunde anhimmeln zu dürfen. Wir haben der so bemühten Musiklehrerin einen Apfel am Strick über den Lautsprecher gehängt und uns totgelacht über ihre unbeholfenen Bemühungen, ihn fangen zu wollen. Dem gestrengen Geographielehrer stellten wir einen angebrochenen Stuhl an den Lehrertisch und wenn es ging, dann haben wir von I. abgeschrieben, die hatte immer gelernt. Jeden Tag ein gemeinsamer Tag. Montag bis Samstag. So viele, herrliche Jahre.

Und heute? Heute hat jeder von uns ein eigenes Leben, doch sehr geprägt von dieser Vergangenheit. Eine bruchlose Fortsetzung der Charaktere, die wir damals schon so ausgiebig geübt und gelebt haben.

Erinnerungen im Bienertpark

An den Bienertpark, gelegen oberhalb der Schule, hat jeder so eigene Erinnerungen. Wir sitzen recht lange auf den Steinen an einem der prominenten Aussichtspunkte, schauen über den Plauenschen Grund und reden. Im Clubhaus der Eisenbahner da unten haben wir unseren Schulabschluss gefeiert. Und nein G., ich kann mich nicht mehr daran erinnern, dass Du auf dem Heimweg aus der Quelle getrunken hast und ich dich abhalten wollte mit den Worten „Tu es nicht, da liegen tote Füchse drin“. Was bitte haben wir da getrunken?? Meinen ersten Kuss in diesem Park erinnere ich, oder eher an die Worte meiner Mutter, als sie die Grasflecken auf meiner Hose (aus dem Westen) sah. Darauf noch eine Rotkäppchen Flaschengärung aus einem neuen Plastikbecher. Ja, wir haben auch die Frage klären können, ob T. nun mit oder ohne „H“ geschrieben wird. Und ja, der G. und ich waren doch mal zusammen und die A. mit dem R. auch. Waren das Zeiten!

Was wir immer wieder geschafft haben in diesen Stunden war die Überleitung in das Heute. Ungezählte Fragen und Antworten und wieder Fragen: Was machst Du jetzt? Was ist da passiert? Ach, darum …. Oh, das tut mir leid…. Das klingt gut … Wir haben uns in den vergangenen Jahren nicht ganz aus den Augen verloren, es gab immer wieder Berührungen. Ihr alle seid noch hier, ich bin irgendwann geflohen, habe in Dresden eine unerträgliche Enge gespürt. Die ganz eigenen Herausforderungen jeder unserer Persönlichkeiten haben sich durch diese Jahre gezogen und sind heute so präsent wie damals. Du A., hast immer schon Deinen Lebensplan gehabt und er ist aufgegangen. Du siehst so gut aus und strahlst eine so gut tuende Wärme aus, wie damals. T., Du warst immer ein wenig fremd, aber das lag an der anderen Klasse, in der Du warst, aber die Verbindung vom wohnen im Haus gegenüber ist dann doch immer noch da. G., mein Lieber, ich liebe Deine steten, besorgten Nachfragen. S., wir beide haben uns schon immer über das gemeinsame Lachen gefunden, auch heute schau ich Dir so gern ins Gesicht und könnte mich schon wieder amüsieren über den Schalk hinter Deiner Stirn. Und R., der Kümmerer mit dem etwas trockenen Humor. Auch wenn wir erst im Jetzt eine echte Gemeinsamkeit haben und das brandenburgische Beiersdorf eroberten.

Den Turm am Hohen Stein haben wir schließlich bestiegen, er ist nun renoviert, nur der Blick weit über Dresden ist noch da. Fast hätten wir noch unsere alte Lehrerin herausgeklingelt um einen Kaffee zu erschnorren. Wir haben es gelassen. Dafür gab es eine schöne lange Pause in der alten Coschützer Höhe, mutiert von einer üblen Kneipe zu irgendetwas mit Mittelalter drin. Jungfräuliches Mägdelein oder wie hieß dieses Getränk?

Oben und Unten

Ich sollte noch etwas erklären: Unterhalb der Schule befindet sich das alte Plauen mit den Arbeiterwohnhäusern rund um die Bienertmühle, oberhalb ein kleines Villenviertel, kaum zerstört an diesem unsäglichen 13. Februar 1945. Wir Kinder kamen von oben und unten und waren doch alle gleich. S. (unten und im gleich Haus wie G.) und ich (oben) haben irgendwann die Glaziale Serie zusammen gebaut und Plätzchen gebacken (daran jedoch kann ich mich nicht erinnern). A. (oben) … wir haben dieses ominöse Tagebuch mit den anderen Mädels geführt … wo ist das eigentlich? T. (oben und gegenüber) … wir sind Schlitten gefahren auf der Halbkreisstraße, bis irgendwer mal in einen abwärts schlitternden Trabbi rauschte, dann durften wir nicht mehr. G. (unten) … ich habe bei Euch Klavier geübt und wenn keiner geschaut hat, dann haben wir heimlich unsere Jugendliebe ausgelebt. Und R. (unten)? Wir hatten nicht so vieles gemeinsam damals. Obwohl ich heute erfahren musste, dass Du immer im Tante Emma Laden –  meinem Elternhaus gegenüber gelegen – Bockwürste gekauft hast, die dann im Bienertpark gegrillt wurden. Mann, Mann, Mann aber auch.

Einen längeren Zwischenstopp legen wir dann noch hoch oben auf dem Fichteturm ein. Langer Aufstieg und grandioser Blick. „Schau mal da, da hat der F. gewohnt…und die I. da drüben….ach schade, unsere Wohnung von damals kann man gar nicht sehen von hier … und das dort soll der alte Sportplatz sein? Da mussten wir ja ewig laufen…“  Wieder Zeit für Erinnerungen, Nachdenkliches, Ratschläge auch für die gerade anstehenden Geschehnisse.

Kein Abschied

Unseren Abschluss zelebrieren wir im „Rackwitz“, heißt heute anders und ich hab es schon vergessen, aber zu unserer Zeit war es mal ein Gemüseladen. G. hatte ein Bier, R. wollte nix und wir Mädels hatten irgendein InGetränk aus Berlin. T. hatte sich schon verabschiedet …“nur zwei Haltestellen“. A., Du hast mir eine unschöne Wahrheit gesagt aus dem Jetzt … aber das Leben ist manchmal einfach fordernd, doch ein großes Danke dafür. Der Weg zum Ausgangspunkt unserer Reise war schwer für mich. Viele Gedanken und das etwas zögerliche Jetzt. Wie ging es Euch? Ach ja, wir sprachen noch über Fritzens Dampferband mit Achim Menzel und dem Klamottenladen, den es heute nicht mehr gibt. Und eine Erinnerung an die ersten Pornofotos im Abrisshaus an der Coschützer Straße. Heimlich damals noch. Mein Gott G. … aber Du bist ja trotzdem groß geworden … und der Laden, wo wir heimlich den ersten BH  gekauft haben….

Doch wir sind im Heute. Wir haben unsere Whats App Gruppe und verarbeiten dort nebenbei oder auch ganz direkt die Fragen unseres heutigen Alltags. Ich glaube, manchmal realisieren wir kaum die Intensität dieses Zusammenseins. Und NEIN (GROSSGESCHRIEBEN), T., beim nächsten Mal werde ich Deinem Rat nicht folgen …. Du weißt schon….da muss ein besserer Rat kommen.  Lasst uns unbedingt weiter so kommunizieren. Wie früher. Gut, damals war es von Angesicht zu Angesicht oder per rausgerissenem Zettel aus dem Schulheft. Das war sehr schön so. Und vor allem, lasst uns die Floßfahrt nachholen! Dann bitte alle zusammen, auch die, die heute nicht bei uns waren. Und eine Bitte zum Schluss: keine Weckmeldungen mehr vor 8 Uhr!!!

 

Nachtrag

Vor unserem Treffen habe ich R. auf einen schönen Tee und ein zu kurzes Gespräch getroffen, eine sehr spannende Bekanntschaft via Facebook, gekommen aus Riesa via Berlin und nun tathaft in der Zwickauer Straße. Er und seine Kinder schreiben unsere Geschichte weiter an diesem Ort. Danke.